100% subjektiv

Sollte man sich als Laie auf Tourenberichte mit schönen Bildern beschränken, Fahrberichte oder gar Beurteilungen von Motorrädern hingegen gänzlich unterlassen? Gestern war einer der Momente, wo ich das Blog hier mal wieder total hinterfragt habe. Es ist das eine, wenn man langjährig mit wachsender Routine unterschiedliche Motorräder fährt und dabei ein gewisses Gefühl für die Fahrzeuge entwickelt, sich dann auch etwas darüber zu schreiben traut. Es ist das andere, wenn Tester, Redakteure, Profis, Racer, welche die Fahrzeuge wechseln wie Jacke, Hut und Unterhose und unter Laborbedingungen mit Mess-Equipment testfahren können dies tun.

Über unsere MT-07 habe ich geschrieben. Hemdsärmlig, cool, Spaßmotorrad, dabei auch anfängerfreundlich, aber keinesfalls ein „Anfängermotorrad“, wie manchmal behauptet wird: Da wurde dann beim Fahren offenbar nicht wirklich Gas gegeben.
Man hat bei auf normalen Fahrten basierenden Einschätzungen immer einen hohen subjektiven und tagesformabhängigen Anteil, das ist mir bewusst, und das kann ich gut an den eigenen Wahrnehmungsschwankungen ablesen.
Nun, vor- und vorvorgestern war ich ausgiebig und teils auch zügig mit unserer MT-07 unterwegs. Die Sensorik war geeicht. Gestern gab es ein aktuelles Schwestermodell mit identischem Motor als Leihfahrzeug. Der Motor war auch ganz der Gewohnte, das Chassis hingegen war anders: riesige Frontverkleidung, verbreiterter Tankrücken, Tourersitzbank, aufrechter Sitz, breiterer Lenker, unfiligran, ein typischer Tourer halt. Das Mehrgewicht bzw. die gestiegene Fahrzeughöhe merkt man, ohne jetzt irgendwie sagen zu wollen, daß das Fahrzeug weniger gut zu fahren gewesen wäre. Das Fahrwerk ist womöglich hochwertiger, so weit ging die Wahrnehmung gar nicht. Die fragwürdige Erkenntnis: der MT-07-Tourer funzt für mich nicht, eigenartig schal. Was erstaunlich war, weil die ursprüngliche MT-07 allein schon dank des supertollen Motors keine Fragen offen lässt, ungemein viel Motorrad und Fahrfreude fürs Geld bietet, den Schalk im Nacken aktiviert, also ein perfektes Statement ist. Steckst du den gleichen Motor aber woanders rein, konkret in das beschriebene Schwestermodell, dann ist auf einmal alles ganz anders? Stellt die MT-07 das 1500 Eur teurere neuere Schwestermodell in den Schatten? Echt? Während der kurzen Leihfahrt hätte ich meine Ex-NC700X als angenehmeres Tourenfahrzeug eingeschätzt. Und dabei hatte ich die NC700X für mich subjektiv zurückgereiht, als die MT-07 bei uns in Betrieb gegangen war, allein aufgrund des Motors und des geringeren Gewichts der MT. Das passt alles nicht zusammen.

Anno 2012 hatte ich ein ähnlich seltsames Erlebnis bei Probefahrten des damaligen Integra 700 und darauffolgend der NC700X. Bei nahezu identischem Grundfahrzeug und identischem Motor ein vollkommen unterschiedliches Fahrerlebnis, das eigentlich so nicht sein konnte. Bis heute unerklärt. Immerhin: Ein Kumpel hatte es damals nachvollzogen und ähnlich empfunden. Ein Fahrzeugtester hingegen greift sich dann die entsprechenden Fahrzeuge und testet sie direkt gegeneinander aus bis klar ist, wo der Wahrnehmungsbruch ist. Diese Möglichkeit hat der Laie nicht. Man fragt sich: spinn ich? Dumpfbacke? Dillettant? Keine Ahnung. Einziger Trost: Kurze Fahrt zwei Tage später wieder mit unserer MT-07, alles lustig wie gewohnt.

Sei es wie es sei, mein aktuelles Lieblingsmotorrad in der Garage ist die R3. Frag bitte nicht warum, ich weiß es nicht wirklich und wundere mich selber. Sie ist spürbar leichter, spielerischer, und ich kann sie dank weniger Leistung besser ausfahren als die bei forcierter Fahrweise jederzeit wirklich gut gehende MT-07 (also da muß man sich klar disziplinieren und fahrerisch sehr aufpassen). Die R3 unterstützt für mich als Nichtanfänger eine moderatere rundere Fahrweise, denn der kleine gutmütig unspektakuläre Drehzahlmotor verhilft dauerhaft zu besonnenem Fahren. Das verführerische coole „Drehmoment-Ass“ im Ärmel kannst du nur auf der MT ausspielen. Auf der R3 suchst du vergeblich im Ärmel (Achtung, technikferne Metapher). Ich erwarte nicht, daß dies nachvollziehbar oder vermittelbar ist, aber klarer Hinweis an mich selbst und ggfs. Mitleser: nicht allzu ernst nehmen, was in diesem Blog steht. Es ist wahrscheinlich nichts davon verallgemeinerbar. Definitiv lieber selber probieren!

One thought on “100% subjektiv

  1. Es hat schon seinen Grund, warum die ganzen Profi-Tester in ihrer Berichten immer wieder mit technischen Daten und fahrleistungen argumentieren und nicht mit subjektiven Gefühlen oder gar Fahrspaß, das ist nämlich viel leichter zu schreiben und für den Leser leichter nachzuvollziehen.
    Dass Du auf der R-3 mehr Spaß auf der echten Landstraße hast als auf der MT kann ich sehr gut nachvollziehen. Mir macht meine CRF250L auch mehr Spaß als die ZX-12R, die nur noch die Garage und an und zu eine Autobahn sieht.

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