ABS

[Updated: 8.4.2017, 6.5.2017]

Ich nehme mir jetzt eine Tasse Kaffee und schreibe einen langen Text-only-Artikel, welcher andernorts wahrscheinlich auf kontroverse Diskussionen stossen würde. Die Chips dazu müsst ihr euch selbst besorgen, ich mag nämlich keine. Und bitte: das alles hier ist aus Laiensicht geschrieben. Passt auf euch auf, wenn ihr beginnt, selbst damit herumzuexperimentieren! Ich empfehle dringend, sich erstmal durch Bremstrainings von Profis coachen zu lassen. Ich gebe in diesem Artikel keine fahrtechnischen Tips, sondern denke laut über das Thema nach.

Die ABS Gefahrenbremsung

Im Sommer 2016 konnte ich an meinem zweiten und auch bisher frischesten Sicherheitstraining der Polizei Salzburg in Kuchl teilnehmen, für das ich sehr dankbar bin. Vor kurzem gab es beim Magazin „Motorrad“ einen hochinteressanten Artikel über ABS und dessen Einschränkungen. Als Laie könnte man gemischte Botschaften vermuten: Zum einen die professionellen und definitiv kompetenten Instruktoren (übrigens ganz ähnlich wie auch beim Sicherheitstraining meiner Frau beim ARBÖ), zum anderen die Motorrad Testredakteure, welchen man ebenfalls Fahrkunst unterstellen darf.
Es geht mir darum, ob der Einsatz von ABS bei Notbremsungen zum Zweck der Bremswegoptimierung narrensicher ist oder nicht. Kann die sofortige ABS Regelbremsung als Not-Reflex bedenkenlos eingearbeitet werden, oder gibt es doch Bedingungen?

Die Diskussion über ABS am Motorrad wurde in Deutschland vor ca. 10 Jahren erbittert in den Foren geführt. In US Foren kann man sich das auch heute noch geben, wenn man den Nerv hat. Inzwischen sind bei uns die meisten Motorradfahrer zu der Einsicht gelangt, daß dieses System in Bezug auf die Bremssicherheit hilfreich ist. Für mich selbst stellte es sich damals so dar: Offroadfahren, drei Jahre im Enduroverein, auch auf der Straße bei allen Bedingungen viel mit Enduros und Funbikes unterwegs, Supermotofahren, vor allem eiskalte Hallentrainings im Winter bei zuweilen hohen Minusgraden, Rennstreckenfahrten. Damals hatte ich kein ABS an den Fahrzeugen. Aufgrund der Erfahrungen beim Indoorsupermoto und auch beim Offroad neigte ich nie zum Überbremsen, denn das hätte grade bei den Hallenbedingungen jederzeit zu derbsten Stürzen in Sekundenbruchteilen geführt. Reflexhaftes Überbremsen bei Notbremsungen war also nicht mein Problem. Mein Problem war hingegen immer, bei unerwarteten Situationen im Straßeneinsatz unter diversen Wetterbedingungen schnell genug eine hohe Bremsleistung zu schaffen, also eine schnelle Bremsprogression im Überraschungsfall zu schaffen, die möglichst nahe ans Überbrems-Limit hinkommt. Dies war auch immer meine persönliche Schrecksituation. Bei den wenigen derartigen Situationen, die ich meistern musste, hatten sich stets Mängel in meiner Bremsfähigkeit gezeigt, obwohl ich grundsätzlich unter Laborbedingungen Motorradbremsen ganz gut bedienen kann. ABS hat mich insofern immer schon gereizt, weil es mir die Möglichkeit gibt, mich ungefährdet an dieses Schreckensszenarium hinzubremsen. Abgesehen davon leuchtet es sofort ein, daß bei wechselndem Untergrund ein Regelsystem die Bremsleistung um Faktoren schneller anpassen kann, als man dies manuell tun könnte, selbst als geübter Bremser. Und auch bei Nässe oder gar nasskalten Bedingungen ist ABS rein sicherheitstechnisch betrachtet für mich alternativlos, weil es zu einem erheblich kürzeren Bremsweg führen wird, bzw. das Überbremsen des Vorderrades verhindert.

Der Gegengedanke war damals, daß ABS mein Bremsgefühl „versauen“ könnte, weil ich mich somit stets darauf verlassen würde (denn es muß ja zum Reflex werden), und daß ABS aufgrund der plötzlichen hohen Bremsleistung („gib alles“) dazu führen könnte, daß ein Motorrad bei hoher Geschwindigkeit aufs Vorderrad geht, was sicher nicht ohne weiteres kompensierbar ist. Zudem waren damals Systeme im Einsatz, von denen einige sicherheitskritische Macken hatten, beispielsweise den Totalausfall des bei bestimmten Systemen mitverbauten Bremskraftverstärkers bei Durchbrennen des Bremslichtbirnchens usw., also Szenarien, welche man beim ambitionierten Kehrenfahren genau brauchen kann. Ich vermute ohne es besser zu wissen, daß inzwischen keine fragwürdigen Systeme mehr verkauft werden, hatte auch selbst niemals irgendwelche solchen Sachen im Einsatz und habe diese Geschichten insofern auch nicht selbst verifiziert. Vieles wurde und wird gern etwas hysterisch diskutiert. Manches was man lesen konnte klang nach totalem Unfug oder fahrerischer Unfähigkeit, woran auch ein ABS nichts ändern kann. Manche sagen, sie wollen ihr Leben keiner Elektronik ausliefern, was ich ehrlichgesagt auch als Nicht-Technologiegläubiger etwas doof finde, dann da gibt es viel schlimmere und komplexere Systeme, deren Versagen zu Katastrophen führt. Immerhin kann man die Bremse ja wieder aufmachen. Man hat also im Extremfall noch Kontrolle.

Offroad?

Es gab und gibt immer wieder Einwände gegen ABS bei „Offroadnutzung“. Was das anbetrifft, bin ich sorgenfrei. „Offroad“ bedeutet für mich wirklich „offroad“. Dazu brauche ich schon ein eher derbes „Adventure-Motorrad“ mindestens vom Schlag des aktuellen Yamaha T7 Konzeptmodells, wenn nicht eine echte Enduro a la WR250R oder sowieso eine Sportenduro. Bei solchen Fahrzeugen wird es entsprechende Vorkehrungen geben, sofern überhaupt ABS vorhanden ist. Rutscht man damit lose Schotterhänge oder Schlammabfahrten runter, hat man ungeachtet der verbauten Bremstechnologie das Problem, die Situation fachgerecht zu kontrollieren. Auch das Anbremsen bei wurzeligem oder anderweitig zerfurchtem Boden kann u.U. ABS überfordern, weil das System dabei fälschlicherweise aufmachen dürfte, wenn es diesen Zustand nicht irgendwie erkennen kann.
Normale Motorräder wie die NC oder MT kann man aber problemlos auf (i.d.R. legalen) Schotterstraßen fahren und bremsen. Ich habe auf Schotteretappen bzw. Asfalt mit Schotter drüber immer gerne mit dem ABS gespielt, um ein Gefühl dafür zu bekommen. Solange es einigermassen als Straße erkennbar bleibt und auch das Gefälle „straßenüblich“ bleibt, geht das. Sowas ist für mich nicht „offroad“.

Das erste Mal

2012 kaufte ich mit der Honda NC700X mein erstes ABS Motorrad, mit dem ich auch das Sicherheitstraining 2016 bestritt. Die Details zum Training sind im oben verlinkten Artikel zu lesen. Die NC700X bestätigte meine positiven Erwartungen an ABS, ohne mich in irgendeiner Weise damit zu enttäuschen. Das ABS der NC regelte zu einem Zeitpunkt, den ich subjektiv bereits als „überbremsnah“ oder sogar darüber hinaus einstufen würde. Mit anderen Worte, es wäre niemals ein Thema gewesen, daß ich mich damit versaut hätte. Im Gegenteil, ich konnte mit der NC den Überbremspunkt insbes. bei Nässe super austesten und feststellen, daß da sehr viel möglich ist. Die Bremsanlage der NC ist – auch dank des extrem tiefen Fahrzeugschwerpunkts – im Hinblick auf solche Experimente und im Hinblick auf eine hohe Bremssicherheit ideal, und sie hat mich auf Anhieb überzeugt. Egal wie ich mit dem Fahrzeug unterwegs war, und ich war teils schon auch ambitioniert unterwegs, dieses ABS hat niemals dreingepfuscht. Beim Sicherheitstraining zeigte sich dann, daß das System nicht nur dezent bleibt, sondern auch tadellos und narrensicher arbeitet, was dabei meine große und befriedigende Erkenntnis war. Ich kann für mich, also meine Fahrerstatur und mein Gewicht sicher sagen, daß eine NC700X bei einer Vollbremsung mit ABS Regelung selbst bei Trockenheit nicht aufs Vorderrad gehen wird. Sie bremst sehr gut und liegt dabei auf der Straße wie ein Baumstamm, sogar dann, wenn man selbst ein wenig aus dem Sitz geht und den Schwerpunkt ungünstiger werden lässt.

Zweifel?

Als vor kurzem der ebenfalls oben verlinkte Motorrad-Artikel erschien und nach dem tollen Bremstraining in Kuchl meine schlimmsten Befürchtungen wieder auflebten, fasste ich nun den Entschluß, mich mit dem Thema auch im normalen Alltag zu befassen. Notbremsungen kommen in meinem Fahralltag nicht oft vor. In 18 Jahren lässst sich das an einer Hand abzählen. Aber sie kommen vor, und in den letzten Jahren gab es eine „Mini-Häufung“. Das lässt sich nicht wegdiskutieren, und ich werde solche Bremsungen in Zukunft bewusster und öfter durchführen. Als einen weiteren Schritt habe ich mich zum Aufbautraining mit Übungen bei höherem Tempo angemeldet, ebenfalls wieder angeboten von der Salzburger Landespolizei. Ebenso meine Frau mit ihrer MT-07. Wir hoffen auf Plätze in diesen sehr gefragten Trainings.
Zum anderen ist ganz klar, daß man jedes Fahrzeug individuell erfahren und betrachten muß, und wohl auch der eigene Fahrstil, das Gewicht, die Beladung usw. eine Rolle spielen. Dies habe ich vor, näher auszutesten, und zwar nicht wie bisher nur bei nassen Bedingungen, sondern bei Trockenheit, auch abseits von Sicherheitstrainings. Nach bisherigen eigenen Tests kann ich im Moment für unsere ABS Motorräder folgendes sagen: Bei Sicherheitstrainings war die NC700X vollkommen unproblematisch. Von der MT-07 berichtete meine Frau bei ihrem ersten Bremstraining ein berechenbares ABS-Bremsverhalten, also keine Probleme mit abhebendem Heck bei Gewaltbremsung. Allerdings gibt es zur MT-07 beim verlinkten Motorrad-Artikel anderslautende Aussagen bei den Userkommentaren. Temperatur, Bereifung, Fahrbahnbeschaffenheit, Fahrerspezifika und sicher auch das genaue Bremsverhalten sind da Faktoren. Beispielsweise der Reifengrip kann sich extrem unterscheiden, allein aufgrund äußerer Temperaturbedingungen. Es wird im Artikel empfohlen, zwecks eventueller Abhebeerkennung hinten mitzubremsen (was ich aus Supermotozeiten ohnehin gewohnt bin). Andernfalls würden manche Systeme ein Abheben des Hinterrades evtl. nicht erkennen. [Update 6.5.2017:] In der Tat, beim zweiten Sicherheitstraining mit der MT-07 bei warmen Bedingungen stieg die MT bei der Gefahrenbremsübung meiner Frau hinten auf, allerdings erst kurz vor dem Stillstand. Das ABS ist im Bereich 0-10km/h deaktiviert. Vielleicht ist das der Grund.

Das beste ABS bei uns war das der Honda NC700X. Dieses funktionierte für meine Begriffe perfekt, da es sich niemals leichtfertig einmischte. Man konnte die NC sehr ambitioniert fahren, ohne daß man vom ABS was gemerkt hätte. Dennoch funktionierte es narrensicher und tadellos, wenn man es forcierte.

Die Überraschung [Update 7.4.2017] folgte für mich hier: Die YZF-R3 fühlt sich mit der etwas stumpfer ansprechenden Einscheibenbremse vorne zunächst sehr defensiv an. Mit den Serienreifen bei kühl-trockenem Wetter hatte ich auch hier keinerlei Probleme, im Gegenteil. Aber: mit den neu aufgezogenen Bridgestone Battlax S20 Evo bei wärmerem Wetter steigt die R3 hinten auf, wenn man vehement bremst (2 Finger reichen mir dazu nicht!), ohne dass das ABS regeln würde. Da ist kein Zweifel möglich, selbst bei geduckter Sitzposition und zusätzlich betätigter Hinterbremse (eventuelle Abhebeerkennung?) geht das Heck auch bei höherer Geschwindigkeit in die Luft. Die Situation war – da ich es bewusst getestet habe – ganz gut zu kontrollieren, also es eskalierte mir nicht. Aber klares Signal: ich muss damit rechnen. Die no-brain Notbremsung gibt es für mich also nicht. Wie weit die R3 hinten hochsteigen würde, ob es irgendwann doch noch regeln würde, uswusf., das überlasse ich den Stuntmen zu testen.

Der NMAX Roller scheint bisher problemlos. Die stabile Fahrlage des Fahrzeugs wird auch bei ABS Regelbremsungen nicht in Unruhe gebracht. Der Reifengrip vorne ist hier das Limit, und somit regelt ABS bevor das Fahrzeug hochkippen würde.

Fazit

Was kann man sagen? Testen. Probieren. Fahren. Und immer aufpassen. Im Ernstfall, also der lebensbedrohlichen Situation, wo nurmehr eine Vollbremsung unter nicht mehr genauer analysierbaren Fahrbedingungen helfen kann, wird ABS ein grosses Sicherheitsplus sein. Da ist es alternativlos. Das Risiko, welches man mit einer zu schlappen Bremsung eingeht, scheint mir erheblich höher als das hypothetische funktionale Risiko einer ABS Regelbremsung. Aber machen muss man es, und es kann wohl wirklich passieren, daß man manuell ausregeln muß, um das Fahrzeug hinten unten zu halten. An die vielen Zwischensituationen und an motorsportliche Situationen wird man sich durch Übungen mit dem jeweiligen Fahrzeug herantasten müssen.
Im Fahrsicherheitstraining wurden wir instruiert, schlagartig in den Regelbereich zu bremsen, damit das System incl. Abhebeerkennung auch wirklich aktiv ist. Im Motorradonline-Artikel wird eine zügige aber eben noch weiche Bremsprogression empfohlen, hier also nicht der augenblickliche Brutalgriff. Ich selbst empfand den Übergang vom noch nicht regelnden in den regelnden Bereich bisher als fliessend, aber womöglich liege ich auch da falsch. ABS verhindert das Überbremsen des Vorderrades, aber eine Garantie für das am Boden bleibende Hinterrad gibt es fahrzeugspezifisch nicht. Im Fahrsicherheitstraining hatten mehrere Fahrzeugtypen teilgenommen, die lt. Kommentaren zum Motorradonline Artikel hinten aufsteigen könnten, beispielsweise eine 690er Duke. Es waren keinerlei Probleme damit zu beobachten. Also kein einziger Teilnehmer des FST hatte irgendwelche Probleme mit einem unkontrolliert hochsteigenden Hinterrad gehabt. Ich werde weiter daran arbeiten, im absoluten Ernstfall SOFORT richtig zu bremsen, aber auch mit dem Aufsteigen des Hecks zu rechnen. Das einzige valide Mittel ist, die benutzten Motorräder vorher gut kennenzulernen, bei Sicherheitstrainings und zunehmend auch durch Selbstversuche bei passenden Gelegenheiten. Dies halte ich für unverzichtbar, wenn ich die Sicherheit im Strassenverkehr optimieren will. Nochmals der bereits eingangs erwähnte Hinweis: keine Bremsversuche im öffentlichen Straßenverkehr! Kein Risiko! Lasst euch in Sicherheitstrainings coachen, macht keine irrwitzigen Versuche!

2 thoughts on “ABS

  1. Das eher abrupte Bremsen in den Regelbereich führt mit Sicherheit zu einem stabileren Fahrverhalten ohne abheben des Hinterrades, der Vorderreifen hat einfach zu wenig Zeit ordentlich Grip aufzubauen, das ABS regelr früher. .“eine zügige aber eben noch weiche Bremsprogression“ dabei kann der Reifen vermutlich ordentlich Grip entwickeln und ein Abheben de Hinterrades ist eher möglich bevor es in den ABS Regelbereich kommt.
    Hinten mitbremsen ist immer gut das Fahrzeug streckt sich sozusagen und wird stabiler. Nicht umsonst gibt es zB bei Honda ein Kombibremssystem.

    1. Wobei zumindest das frühere CBS der 2012er Honda NC so funktioniert, daß es bei alleinigem Betätigen der Hinterbremse einen der drei vorderen Bremskolben mitbetätigt, aber nicht andersherum. Das sei nur am Rande bemerkt. Hat auch seine Berechtigung, denn es gibt zuweilen Fahrer/innen, die bei akuten Bremsungen aus irgendwelchen Gründen nur hinten bremsen. Dann ist so ein CBS zumindest eine partielle Rettung vor dem nahezu ungebremsten Einschlag.

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