Automatikroller

Saisonbedingt schaut man sich momentan die aktuellen Motorräder stärker an und freut sich auf mögliche Neuerscheinungen. Es tut sich viel Interessantes.
Doch auch der Blick in die eigene Garage bleibt erfreulich.

Abstruse Dinge liest man gelegentlich über Hondas NC700 bzw. 750 Modellreihe, insbes. mit dem automatisch gekuppelten Doppelkupplungsgetriebe: „Roller“, „Diesel“, „Anfängermotorrad“, …

Honda NC700X DCT
Honda NC700X DCT
Es ist schade, daß lt. Honda Händler die Verkaufszahlen gegenüber dem extrem erfolgreichen ersten Jahr der NC ziemlich runter gegangen sind. Aber es schmälert nicht den Reiz dieses Fahrzeugs, das abgesehen vom Übergewicht und dem Schnabeldesign keine Fragen offen lässt. Ein cooles, super zu fahrendes, wirtschaftliches, technisch attraktives, modernes aber nie neurotisches oder aufdringliches Motorrad mit Spaßfaktor und technischen Highlights: das unter allen Bedingungen perfekt funktionierende ABS, das legendäre DCT und ein unverzichtbarer grenzgenialer Kofferraum, der das gesamte Reisegepäck eines kurzen Italientrips aufnimmt. Kisten, turmhohe Tankrucksäcke, Rollen, Möbelstücke am Moped? Never. Just ride.

Es tut einem wirklich leid, wenn offenbar manche Ex-Vielzylinderfahrer in Foren jammern, daß sie bereits bei der Ausfahrt aus dem Parkplatz im ersten Gang in den Drehzahlbegrenzer geraten (WTF). Da kommen einem die Tränen, aber selbst wenn das bei der manuellen Version der NC ein Problem wäre, DCT würde es elegant regeln. Nein ich glaube, das Problem liegt da woanders.
Die NC hat eine angenehm breite Leistungskurve. Bei 6500rpm erinnert einen dann der Begrenzer, zu schalten, sofern man es nicht rechtzeitig merkt. Ein flaues Abflachen obenraus gibt es nicht. Zum Vergleich: der Begrenzer der XT660Z lag nur 1000 rpm höher, und das knallte dann richtig rein. So what. Nichts, worüber es sich zu jammern lohnt.
Nach 15 Jahren mit Diesel-Autos nehme ich Abstand von dem in vielen Texten beschworenen Dieselmotor-Vergleich. Gottlob, kein Dieselmotorrad. Bullig, angenehm dezent bollernd, schwungvoll, weder Turboloch noch schmalbandig (es sei denn vielleicht, man wäre ein reiner 6.Gang-Fahrer eines großen Vierzylindermotorrades).

Polemik zu Hondas DCT findet man beispielsweise im großen Thread zur hoffentlich kommenden neuen Africa Twin im advrider.com Forum. Wagt es Honda doch tatsächlich, den sog. True Adventure Prototyp mit DCT vorzustellen! Anscheinend finden es viele Motorradfahrer existentiell, die Zahnräder ihrer Getriebe selbst in die richtige Position zu bringen, woran wohl auch der aktuelle Technologiestand superteurer Sportautos oder aber hochwertiger Mittel- bis Oberklasse-PKWs nichts ändern kann.
Andererseits: der eine oder andere Kritiker dürfte die Funktionsweise des DCT gar nicht verstanden haben. Mancher Text läßt eigentlich nur diesen Rückschluß zu. Gelegentlich hat man auch den Eindruck, daß manche Leute ihre eigenen Annahmen zum Besten geben, ohne jemals eine DCT Version gefahren zu sein.
Honda jedenfalls informiert auf der Webseite http://www.sportlicherschalten.de/.

Für bestimmte motorsportliche Aktivitäten ist manuelle Kupplungskontrolle unverzichtbar. Dann führt kein Weg an einer konventionell betätigten Kupplung vorbei. Im Normalbetrieb jedoch kann man nicht davon ausgehen, die Komplexität des Honda DCT bei einer kurzen Probefahrt bereits sinnvoll überschauen zu können. Einige der von Erstbenutzern typischerweise kritisierten Punkte erledigen sich bei regelmäßiger Nutzung und Eingewöhnung. Fährt man mit dem System routiniert, gerne auch zügig, dann kann es passieren, daß man es einfach vergisst. In jedem Fall lernt man dann die Vorzüge schätzen und nutzt sie für die eigene Fahrweise.

Natürlich: was man nicht am Fahrzeug verbaut hat, kann auch nicht kaputt gehen. Das DCT der NC700 erweist sich im Normaleinsatz hondatypisch als problemlos und sorgenfrei, zudem ist die NC kein Offroadmotorrad. Die Benutzung beispielsweise in tiefem Schlamm oder auf Geröll o.dgl. halte ich für einen Mißbrauch dieses Fahrzeugs. Darüber gehen die Meinungen aber auch stark auseinander, insbes. jenseits des großen Teichs übertrumpfen sich die Dualsportfans mit stolzen Bildern ihrer rundum mit Kisten und Kanistern verkleideten Offroad-NCs.
Im Falle einer neuen Africa Twin mit DCT mag dies aber ein zu diskutierender Punkt werden. Ich bin gespannt, wie Honda dann beispielsweise den Schaltservo gegen Dreck usw. schützt.

Eine interessante Frage wäre, wann die Konkurrenz es schafft, ein vergleichbares und ähnlich robustes und perfektes System auf den Markt zu bringen, das wie bei Honda den Motor nicht größer macht und das Gewicht des gesamten Fahrzeugs nur um 10kg erhöht. Dabei ist beispielsweise die komplette Parkbremsanlage samt eigener Bremszange, sowie der Schaltservo und weitere externe Teile eingeschlossen. Für den Motor selbst bleibt da gar nicht so viel Mehrgewicht übrig. (Dann wieder: 10kg sind 10kg, und bei einem entsprechend eingesetzten Expeditionsmotorrad zählt u.U. jedes Kilogramm. Das ist aber kein Argument im Falle der NC.)
Es gibt im Endurobereich die Rekluse Fliehkraftkupplung und im Bereich Straßenmotorrad den einen oder anderen Schalt- bzw. Kupplungsassistenten. Auch für Motorsporteinsatz gibt es Techniken, den Schaltvorgang zu optimieren. Als Gesamtsystem (vorwiegend für Straßeneinsatz) dürfte Hondas DCT bisher einzigartig sein.
Ich frage mich auch, ob dieses geniale System mehr aufgewertet würde, wenn Honda es nicht einfach in ein 7000Eur Mittelklassemotorrad „für jedermann“ integrieren würde (das ist nicht zynisch gemeint. Ich weiß, wie viel Geld 7000EUR sind), sondern es nur im allerteuersten Modell als Luxus-Extra für Betuchte anbieten würde. Das wäre andererseits sehr schade, denn dann könnte ich es nicht genießen.

Dennoch wünschte ich, Honda würde endlich damit beginnen, allgemein leichter zu bauen. Eine NC mit 50kg weniger, das wäre sensationell. Dass ein leichtes Motorrad nicht zwangsläufig teuer sein muß, hat Yamaha mit der MT-07 vorgemacht. Eine Scheibe könnte sich Honda davon abschneiden.
Und wenn sie ihre jeweiligen Designentwürfe einfach umsetzen würden statt sie vor der Serienproduktion noch unnötigerweise zu „opafizieren“, dann wären sie im Grunde fast konkurrenzlos. Aber das wäre dann zu schön um wahr zu sein.

Die NC750 gibts momentan soweit ich gesehen habe zu attraktiven Mitnahmepreisen. Wer ein sehr gutes und richtungsweisendes Motorrad für wenig Kohle sucht, ich kann beim besten Willen nicht abraten, außer natürlich man rattert schon bei der ersten Probefahrt beim Händlerparkplatz in den Begrenzer… HUCH!!

In diesem Sinne: always ride safe!