Die MT-07

Seit gut 3 Wochen bereichert die 2016er Yamaha MT-07 unsere Garage. Die abwechselnd mit meiner Frau gefahrenen ersten 2000km verleiten mich zu einer frühen Beurteilung.

Motor

Das zentrale Erlebnis bei der MT-07: Der Zweizylindermotor in Verbindung mit dem relativ leichten Motorrad ist großartig. Die MT ist nicht das stärkste jemals von mir gefahrene, jedoch das stärkste jemals (mit-)besessene Motorrad. Der MT-Motor bietet in allen Drehzahlbereichen satt Leistung. Ich war bereits an den bullig kräftigen Motor der NC700X mit dessen charakteristisch niedrigem Drehzahlniveau gewöhnt, dessen breite flache Leistungskurve im Zusammenspiel mit der langhubigen Auslegung und dem niedrigen Drehzahlniveau trotz großer Schwungmasse und hohem Fahrzeuggewicht einen erstaunlich kräftigen Eindruck macht. Die MT hat am Papier bei der Spitzenleistung über 20PS mehr. Spitzenleistung zählt beim Empfinden eines Motors allerdings eher zu den Randgrößen, weil man sie je nach Leistungskurvenverlauf und Einsatzweise nicht ständig nutzt. Daß aber die MT überall deutlich drauflegt, hat mich positiv überrascht. Es gibt keine Behäbigkeit mehr, egal welcher Drehzahlbereich.

Als ich damals von der NC für eine kurze Testfahrt dank meinem Kumpel auf eine RC8 mit 150PS wechseln konnte, hatte ich exakt das gleiche empfunden. Perfekte Fahrbarkeit bei extrem direkter Umsetzung, aber wehe wenn die Konzentration nachlässt. Die MT bietet mir bei deutlich moderateren Parametern dieses direkte und spontane motorische Ansprechverhalten, ohne mich damit überzustrapazieren, zu nerven oder gar zu stressen. Und deshalb kannst du mit der MT – genau wie mit der NC – nach Wunsch sehr entspannt fahren. Die gelungene Schalldämpfung und Abstimmung tun ein übriges dazu. Aber selbst bei Vollgas – und da geht es vehement voran – bleibt der MT Motor dezent, cool und angenehm: „Wildsaugrunzen im benachbarten Wald“. Verantwortlich für den angenehm niedrigen Lärmpegel ist der riesige Schalldämpfer in Verbindung mit der Regelklappe am Luftfilterkasten, welche das Ansauggeräusch bei niedrigen Drehzahlen dämpft. Die Wirtschaftlichkeit des Motors ist dabei in Ordnung und zeitgemäß, konkurriert allerdings nicht mit der aussergewöhnlich sparsamen NC. Um die Motorzuverlässigkeit muß man sich keine Sorgen machen, das bestätigen Langstreckentests. Ölverbrauch: yamahatypisch bisher NULL, auch nicht während des Einfahrens.

Du kannst dieses Motorrad kaufen, allein schon wegen des Motors.

Fahrwerk

Der Fahrwerksvergleich ist erschwert durch die Motorcharakteristik, denn eine MT fahre ich definitiv anders als eine NC. Die Direktheit des Antriebs schlägt natürlich aufs Fahrwerk durch. Das harte Beschleunigen auf welligem Untergrund mit der MT ist etwas, das man mit der NC so nicht ganz reproduzieren könnte.
Daß allerdings dieses Fahrwerk doch eher ein Kompromiss zu Gunsten des Kaufpreises ist, war bekannt und ist unübersehbar.
Zwei Effekte fallen mir bisher auf:
Fährt man die Dämpfungselemente heiß, so lässt die Dämpfung nach. Das Fahrwerk wird zunehmend wabbelig, was es im kalten Zustand noch nicht ist.
Dieses Phänomen hatte ich bei der WR250R in ähnlicher Weise, obwohl diese erheblich hochwertigere Federelemente besass.
Der zweite Effekt betrifft allerdings die Grundabstimmung, die stuckerig und unausgewogen erscheint. Befährt man stark wellige Kleinstraßen, so muß man sich festhalten. Ich bilde mir sogar irgendwelche dezent schlagenden Geräusche aus dem Fahrwerk ein. Sowas kenne ich noch von der XT660Z Tenere vor dem Umbau auf ein WP Federbein (damit wars damals weg).

Zum Vergleich: die NC erweckte den Eindruck eines solide abgestimmten Fahrwerks, welches auch auf welligem Untergrund nicht aufgibt. Man kann das sicher nicht ganz auf die unterschiedliche Motorisierung schieben. Das erheblich höhere Fahrzeuggewicht der NC in Verbindung mit den längeren Federwegen spielt eine bedeutende Rolle bei der Fahrwerksberuhigung. Dennoch: Die MT könnte hinten wie vorne eine grundlegende Fahrwerksabstimmung vertragen. Ich bin kein Fahrwerksguru, aber das kann man denke ich schon so behaupten.

Zweifellos ist das aber auf hohem Niveau gejammert. Das Motorrad macht Spaß so wie es ist. Einen argumentierbaren Änderungsbedarf sehe ich nicht, und insofern glaube ich auch nicht, daß wir in das serienmäßige Fahrwerk Geld investieren werden, solange wir mit dem Motorrad unsere Straßen befahren.

Bereifung

Sehr positiv fällt bisher die für mich vollkommen ungewohnte Hinterradbereifung vom Typ Bridgestone BT23 in 180er Breite auf. Wenngleich das ein betagtes Reifenmodell sein dürfte, und wenngleich man in Foren viel Geschimpfe über den Reifentyp lesen kann, so verhielten sich diese Reifen bei Trockenheit und Nässe bisher ausnahmslos gutartig. Wenn ich mir ansehe, wie eigenartig der Michelin Pilot Street an der viel schwächeren R3 reagiert, dann wundere ich mich über dieses Ergebnis in Anbetracht des erheblich rabiateren MT Motors: Kein Glitsch, kein Rutschen, keine Überraschungen, dabei sogar ausgezeichnete Verschleißeigenschaften, soweit man das bisher am Hinterrad erkennen kann (Update: auch bei 5000km ist der Hinterreifen noch weit von der Verschleißgrenze entfernt, das ist Spitze für meine Verhältnisse!). Und dabei war ich mit der MT testhalber mehrmals reifenmittefressend zügig auf leerer Autobahn unterwegs, was ich sonst völlig unterlasse. Ob das nun eine generelle Eigenschaft derart breiter Reifen, oder speziell diesem Reifentyp geschuldet ist, oder ob es einfach nur ein irrelevanter subjektiver Momentaneindruck ist, kann man im Moment nicht sagen. Dazu ist es zu früh. Jedenfalls ist der Preis in Form von Reifenverschleiß für den kräftigen Motor nicht so schlimm wie ich es erwartet hätte. Es könnte vom jetzigen Profilbild her sein, daß man die typische Hinterreifenhaltbarkeit an der NC700X von etwa 5000-6000km mit der MT überbietet.

Bremsen, ABS

Es ist super, was man heutzutage für das Geld bekommt.

Design, Ergonomie

Wenngleich man angenehm kompakt sitzt, so könnte man die Fußrasten noch einen Hauch weiter hinten anordnen. Der schmale Lenker passt optisch gut zum Fahrzeug. Man hat aber wenig Platz für irgendwelche typische Lenkermontagen (Navi usw.). Die Spiegel hat meine Frau bereits um jeweils 5cm nach außen versetzt mittels praktischer Zwischenstücke, die es bei einem sehr netten MT-07 Forenteilnehmer gibt. Sowas ist Gold wert.

Mir gefällt die Gestaltung des Fahrzeughecks und vor allem des Sitzes sehr gut. Es sieht ballastfrei und aufs Wesentliche reduziert aus. Das geht quasi nicht besser, wenngleich das Heck keinerlei Spritzschutz vom Hinterrad her bietet. Ich wähle dennoch diese filigrane Optik. Auch der vordere Bereich mit der eleganten Tankabdeckung sowie der kleinen gefälligen Scheinwerfereinheit und dem sehr schön gemachten Display am Lenker findet mein Gefallen. Der Kniewinkel ist so, daß einige sich einen höheren Sitz wünschen würden.

Große Pluspunkte sind für mich alles in allem die schmale Bauweise und Sitzposition, sowie das geringe Fahrzeuggewicht von 182kg. Dies führt zur sehr positiven Wahrnehmung in Bezug auf die Handlichkeit beim Kleinstraßenfahren. Wobei die MT auch bei 200km/h auf leerer gerader Autobahn keine Zicken macht, zumindest bei kompakt geduckter Sitzposition (anders erreiche ich echte 200km/h garnicht). Anderweitig habe ich von heftiger Pendelneigung bei hohem Tempo gelesen. Das kann ich für unser Exemplar bzw. die Bereifung sicher ausschliessen.

Ähnlich früh und fast noch leichter als bei der NC700X setzen die Fussrasten mit den recht langen unteren Fortsätzen in Kurven auf. Das ist soweit harmlos. Wo dann das kritische Schräglagenlimit kommt, und welche Teile dabei aufsetzen, das ist bisher unergründet.

Zusammenfassung

Ein leichtgewichtiges schmales minimalistisch und modern gestaltetes Motorrad, gebaut um einen ganz tollen Motor herum. Wenn du es willst, jederzeit herausfordernd zu fahren. Wenn du nicht willst, entspannt zu fahren. Dabei kann die MT das ganze Spektrum, beginnend mit disziplinierten Neueinsteigern bis hin zu Routiniers, die es gern laufen lassen.
Jungen undisziplinierten Heisspornen rate ich aus Sicherheitsgründen definitiv und dringendst ab, ihr baut euch ein.
Die MT bietet Potential für technische Verfeinerungen im Bereich Fahrwerk und Ergonomie für die Wintergarage und den Hobbyisten. Ich bin sicher, daß man aus diesem Motorrad ein sehr sehr mächtiges Werkzeug gestalten kann, wenn man fahrerisch die Voraussetzungen hat, sowie die Zeit, die Lust und das Geld. Spaß macht die MT aber auch ohne solche Maßnahmen. Da muß man dann halt mal in hubbeligen Kurven etwas kürzer treten und Unebenheiten selbst etwas abfedern.
Yamaha MT-07 in der Strubklamm
Yamaha MT-07 in der Strubklamm