E-Roller fahren

Dass Elektromobilität mein Ding ist, weiß ich seit mehreren Leih- oder Probefahrten mit E-Autos und E-Motorrädern innerhalb der letzten 8 oder 9 Jahre. Soweit ist das keine Überraschung. Rein vom Fahr-Erleben her würde ich immer ein Elektrofahrzeug einem typähnlichen Verbrennerfahrzeug vorziehen. Allerdings ist das auch eine Geldfrage. Eine große Investition in Elektromobilität konnten wir uns bisher nicht leisten.
Umsomehr begeistert mich, daß sogar ein so preisgünstiges kleines leichtes Elektrofahrzeug wie unser neuer NIU ganz elektrotypisch viel Freude bereitet. Insgeheim hatte ich das natürlich gehofft. Trotzdem habe ich mir knapp vier Jahre Zeit für die endgültige Kaufentscheidung gelassen. Im letzten Blogartikel steht mehr zum eigentlich Kauf.
Eine der zu Beginn interessantesten Erfahrungen wird das Austesten möglicher Reichweitenszenarien sein, allem voran die Frage, ob ich die hügelige 56-58km Fahrt zum Händler wagen kann (das wäre im Gutfall haarscharf am bestmöglichen Reichweitenlimit), und wie ich das optimal anstelle.
Neben der supercoolen agilen Innerorts-Mobilität im frischen Modus 3 stellt sich nämlich auch Interesse an genussvollen längeren ruhigen Überlandfahrten ein, bei denen man dann allerdings von Fahrtbeginn an optimiert routen, rechnen und sparen muß, und wo man gut beraten ist, sich mit Modus 2 und aerodynamischer Sitzhaltung zu begnügen. Der NIU Tempomat ist dabei ein extrem wertvolles Feature. Das klingt ein bisschen verrückt, aber es reizt mich, zumal der Roller absolut gesehen ziemlich wenig Strom braucht aufgrund des effizienten Motorkonzepts. Das 10kg Akkuköfferchen mit 1740Wh ist die einzige Energiequelle für so eine Tour.
Elektrokritiker lamentieren über giftige Akkus. Giftigkeit, sowie humanitäre und Umweltkatastrophen im Zusammenhang mit der Herstellung von Kraftstoffen aus Mineralöl vergisst man da ganz leicht einmal. Das giftige 10kg LiIon Akkupaket des NIU reicht für grob geschätzt 30.000km Fahrt. Die Stromkosten sind dank des hohen Wirkungsgrades des Nabenmotors gering und betragen grob etwa 1 Eur auf 100km. Ich glaube, daß diese kleine Menge an potentiellem Akkumüll in keinem Verhältnis zur Umweltlast bei der Produktion von Sprit und Motoröl für Verbrenner auf die gleiche Strecke steht. Hinzu kommt ja, daß der NIU Roller mit 90kg Gesamtgewicht incl. Akku relativ leicht und einfach aufgebaut ist und somit produktionstechnisch einen vergleichsweise kleinen ökologischen Footprint besitzt.

Neben dem supereleganten coolen lautlosen Dahinrollen empfinde ich die direkte rein elektronisch geregelte Umsetzung von Akkuenergie in Vortrieb reizvoll. Da ist kein Getriebe, kein Spiel, keine Trägheit, kein sich beim Beschleunigen mit Getöse aufblähender Mechanismus, kein leiernder Riemen. Auch das ist ein Faktor, welcher subjektiven Fahrgenuß und ein betont agiles Fahrgefühl bei nominell lächerlichen 1800W Motorleistung (aufgedruckt am Motor sind gar nur 1500W) bringt.
Und bei uns im Hügeligen kommt sogar der Rückgewinnung eine Bedeutung zu. Man spart zum einen Bremsverschleiß ein und füttert zum anderen ein geringes Maß an Energie in den Akku zurück. Das ist doch viel schöner, als potentielle Energie sinnlos in Hitze und Bremsabrieb umzuwandeln, wenn einen am Fuße des pfeilgeraden 12% steilen Ranzenberg Gefälles eine 30er Zone mit enger Kurve erwartet.
All dies kombiniert sich mit der totalen Leichtigkeit des Rollerfahrens zu einer stressarmen und relativ umweltverträglichen, dabei super angenehmen Form von Mobilität mit noch dazu sehr hohem Praxisnutzen. Das Ding hat ja alles (und mehr), was man von einem kleinen Motorroller erwarten würde. Der LED Frontscheinwerfer ist für 45km/h nachts ausreichend (überland natürlich Fernlicht) und dürfte nicht schlechter sein als das LED Licht meines früheren Yamaha NMAX 125 Rollers. Und man hat auch viel Platz unterm Sitz. Perfekt.
Abschreckend könnte hingegen das gnadenlose Runterzählen des Akkuladestandes sein. Das Display führt es einem stets vor Augen. Während ein soeben angefüllter Benzintank gefühlt fürs erste voll ist und auch bleibt, mindestens so lang bis er halb leer ist, rattert der Zähler für den Akku-Ladestand vom ersten Meter an gnadenlos runter wie ein abbrennendes Streichholz. Auch wenn man weiß, daß man ganz sicher mindestens 50km weit kommen wird, kann das stressen. Andererseits ist genau das Teil der Challenge und macht es spannender. Letztendlich ist das der aktuelle Technologiestand bei Akkus, also die Crux des Elektrofahrens. Beim NIU könnte man ohne weiteres mindestens einen Zusatzakku einpacken und die Sache insofern entschärfen, wenn nur die verdammten Akkus nicht so teuer wären. Für unseren Roller haben wir gut 2500.- Eur bezahlt, ein sehr guter Preis für das Gebotene, wie ich finde. Das gleiche Modell mit zwei Akkus ab Werk hätte dann 4400.- gekostet. Seufz.
Schnellladen ist beim NIU meines Wissens nicht vorgesehen. Somit bringt Zwischenladen nur wenig. Der Regel-Betriebsmodus ist: Tagsüber fahren, nachts laden. Oder halt umgekehrt, wie auch immer.

Inzwischen (Ende September 2020) gab es auch Pendler-Experimente. Zweimal bin ich meine Pendler-Tour gefahren. Das sind je nach Strecke und Vorhaben zwischen 128 und 134km mit nennenswert Höhenmetern darin. Beim Pendeln muß der Fahrakku beim Arbeitgeber (natürlich abgesprochen) geladen werden. Andernfalls kommt man nicht mehr nach Hause.

Meine Strecke ist hinwärts energieaufwändiger als heimwärts. Zudem ist es morgens kühl bis kalt. Es empfiehlt sich, den Akku im Haus zu lagern und ihn erst bei Fahrantritt in den Roller zu geben. Da es die Option des Liegenbleibens beim Pendeln nicht gibt, fahre ich maximal energiesparend, also geduckt und meistens im Modus 2. Erst wenn die Reichweite sicher abschätzbar ist, wird schneller gefahren.

Heimfahrt vom Büro mit dem NIU Elektroroller
Heimfahrt vom Büro mit dem NIU Elektroroller

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