Einspeich-Video

Hobby-Laufradbau – ich nenne es ohne Chauvinismus gern „Häkeln für Männer“ – ist eine wunderbare und entspannende Tätigkeit und war von Anfang an ein regelmäßiges Thema in diesem Blog. Heute liefere ich aus Spaß an der Freude ein provisorisches Demovideo des Einziehens der Speichen. So wie es Tausende von Smartphone Unboxing Videos gibt, gibt es wohl auch ebensoviele ähnliche (oder bessere) Einspeichvideos, aber egal.
Gezeigt wird hier ein tangentiales Standardschema mit 28 Speichen, 2-fach gekreuzt. Es funktioniert exakt genauso für beispielsweise 32 oder 36 Speichen bei 3 oder 4 Kreuzungspunkten. Das Zentrieren des eingespeichten Rades wird später in einem weiteren Demovideo nachgereicht. Und wer Fotos gegenüber Video bevorzugt, hier habe ich früher mal eine entsprechende Fotostrecke angefertigt.
Viel Spaß allen LaufradbauerInnen!

Einige nachträgliche klärende Bemerkungen zum Video

  • Das gezeigte anfängertaugliche Verfahren orientiert sich an der bekannten Laufradbau-Seite von Sheldon Brown, auch in deutscher Sprache verfügbar. Nach etwa diesem Verfahren baue ich seit irgendwann grob so um 1995 meine Laufräder selbst.
  • Voraussetzung ist die Kenntnis der Abmessungen von Nabe und Felge (meist online recherchierbar), das Festlegen des gewünschten Speichenschemas (hier tangential mit 2 Kreuzungspunkten) und die Berechnung der nötigen Speichenlänge anhand der Abmessungen und des geplanten Schemas. Wer nach Speichenrechnern sucht, findet einen supernützlichen tollen Artikel im De-Velo Blog
  • 02:40Unterlegscheiben: diese Messingscheibchen verwende ich dann, wenn die Nabe relativ dünne Flansche hat und/oder relativ große Speichenlöcher. Man merkt es beim Einfädeln im Bereich des Speichenbogens, falls eher viel Spiel vorhanden ist. Bei dickem Nabenflansch bzw. kleinen (ggfs. bereits schön angefasten) Speichenlöchern lasse ich die Scheiben weg. Dies erkennt man zum einen optisch an der etwas trichterförmigen Form des Speichenlochs (Beispiel: Schmidt Nabendynamos), zum anderen daran, daß das Einfädeln der Speiche im Bereich des Bogens dann deutlich schwerer geht.
  • 03:00Nabenbeschriftung: technisch gesehen ist es völlig egal, wo eine Nabenbeschriftung (falls vorhanden) im Verhältnis zum Ventilloch ist. Die beschriebene Überlegung ist optional und rein ästhetisch begründet.
  • 03:30Felgenbohrungen: im gezeigten Beispiel sieht man, daß von den insgesamt 28 Speichenlöcher der Felge 14 Löcher in der Felge etwas linksseitig versetzt sind und 14 Löcher rechtsseitig versetzt gebohrt sind, und zwar immer abwechselnd. Man wählt die auf der Seite des gerade bearbeiteten Nabenflansches liegenden Löcher. Bei Felgen ohne Versatz der Speichenlöcher tut man sich bei der eindeutigen Feststellung des zu benutzenden Speichenlochs in der Felge leicht, wenn man sich einfach den beschriebenen Versatz hinzudenkt (und dann durch Abzählen der Speichenlöcher feststellt).
  • 04:30Setzen der Key Spoke: Die erste Speiche wird unmittelbar am Ventilloch gesetzt, darf aber nicht schräg übers Ventilloch gehen, sondern muß rechts davon bleiben. Da erst das zweite rechtsseitige Speichenloch der Felge auf der dem Nabenflansch zugewandten Felgenseite liegt, wird ohne Beschränkung der Allgemeinheit dieses verwendet. Das freibleibende Loch wird dann für die erste Speiche der nächsten Speichengruppe verwendet. Wäre es umgekehrt, so funktioniert das Verfahren ganz genauso, nur würde man dann das Loch direkt neben dem Ventilloch nehmen, und bei Speichengruppe 2 dann das nächste Loch.
  • 05:28erste Speiche legt alle anderen fest: Tatsache, hat man die erste Speiche richtig gesetzt, so gibt es bei diesem Einspeichschema keine Freiheitsgrade mehr. Die erste Speiche einer jeden der vier Speichengruppen legt zwangsläufig die Lage sämtlicher Speichen dieser Gruppe fest. Das ist einfach. Aufgrund der Überlegungen bei Ventilloch und den wechselseitig gebohrten (oder als solches angenommenen) Felgenlöcher bestimmt aber die erste Speiche bereits zwingend die Lage aller vier Speichengruppen.
  • 06:00zweite Speiche der ersten Gruppe: die zweite Speiche wird in das zweite freie Loch neben der ersten bereits eingezogenen Speiche gesetzt, denn für alle Speichengruppen gilt, daß die zugehörenden Speichen abwechselnd auftreten. Es ist egal, ob linksrum oder rechtsrum gearbeitet wird.
  • 08:05Ventilloch: letztendlich wird das Ventilloch zwischen zwei ziehenden und zwei führenden Speichen (jeweils eine vom linken und eine vom rechten Nabenflansch kommend) liegen. Die Löcher in den beiden Nabenflanschen sind zueinander um einen halben Lochabstand versetzt. Die erste Speiche von Gruppe 2 wird in das Flanschloch des zweiten Nabenflansches eingeführt, welches entsprechend der Richtung des gewählten Felgenloches um einen halben Lochabstand zum bereits besetzten Loch des ersten Flansches folgt.
  • Speichenqualität: bei den Speichen gehe ich keinen Kompromiss ein. Ich verwende keine Speichen, bei denen der Hersteller nicht klar ist. Meine bisher bevorzugten Marken waren bzw. sind Sapim und DTSwiss. Es gibt aber auch andere Hersteller, die gute Speichen produzieren, inzwischen sogar in bunten Farben oder gar in weiß. Bei DTSwiss finde ich die Schwärzung schöner (ich verbaue fast nur schwarze Speichen). Sapim hingegen sind für Endkunden in mehr Ausführungen und vor allem auch Sonderlängen zu kriegen. Wann immer es geht, verwende ich Doppeldickendspeichen. Für kleine Laufräder nehme ich 2.0mm/1.5mm/2.0mm. Für robuste großen Räder mit Scheibenbremsen kommen 2.0/1.8/2.0 oder bestimmte verstärkte 2.0/1.8/2.3 Speichen in Betracht. Hier gibt es je nach Hersteller unterschiedliche interessante Varianten. Die besonders schönen und leichten Messerspeichen verwende ich aus Kostengründen eher nicht. Man findet mit etwas Suche sehr gute Dossiers über Speichentypen und deren Verwendung. Übrigens: 32 Speichen in Verbindung mit sehr steifen und robusten Felgen reichen bei meinen Einsätzen selbst bei hoher Belastung und Scheibenbremsen völlig aus. Für normal belastete Fahrräder mit Felgenbremsen würde ich aus optischen Gründen eher weniger Speichen nehmen.
All diese Informationen sind – genau wie das ganze Blog – auf Hobby- bzw. Laien-Niveau einzuordnen. Profis arbeiten anders und verwenden ganz anderes Werkzeug. Dennoch zeigt sich das beschriebene Vorgehen bei mir seit vielen Jahren als hinreichend gut, um steife, dauerhaltbare und sehr belastbare Laufräder zu erzeugen, die ich am Lastenrad mit teils hoher Beladung, bei Pässetouren und am MTB und meistens mit Scheibenbremsen gut getestet habe.