Fahrsicherheitstraining im Salzburgring-Fahrerlager

Mit Glück hatte ich einen Platz bei einem der Anschlußtrainings zum Fahrsicherheitstraining in Kuchl letztes Jahr bekommen. Bei diesen Fahrtrainings der Salzburger Landespolizei sind die Plätze immer sehr schnell vergeben. Für den gestrigen Tag waren Gewitter und Schauer angesagt gewesen. Die Anfahrt zum Ring verlief in grauen Wolken und Regen, zu Gewittern kam es glücklicherweise nicht. Jedenfalls war es beim Eintreffen nass und sehr kühl.

Für mich war der heutige Termin als erstes Bremstraining und erster technischer Fahreinsatz mit meiner Yamaha YZF-R3 interessant. Im Straßenbetrieb hatte ich bei ABS Testbremsungen nach dem Wechsel von den Pilot Street Reifen auf die Bridgestone S20Evo mehrmals das Verhalten provoziert, daß die R3 hinten hochstieg. Mehr dazu steht in diesem Artikel. Diese Experimente waren für mich beunruhigend gewesen, weil sie die im ersten Bremstraining mit der NC700X gewonnene Sicherheit doch massiv untergruben. Das Thema ist nicht vom Tisch, aber die heutigen Bremsübungen und Diskussionen waren für mich wertvoll und hochinteressant.

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Handling-Übungen, Gefälleübungen

Wie beim letzten Training gab es mehrere Handling-Fahrübungsstationen: Slalom, Achter und enger Kreis. Ein Handlingparcour wurde diesmal nicht aufgebaut. Stattdessen gab es eine Ausweichübung sowie eine interessante Übung zum Anfahren und Wenden im Gefälle. Die Handlingübungen fanden bei nassem oder feuchtem Asfalt statt. Ich bin – auch als Allwetterfahrer – kein besonderer Regenfahrer und war somit entsprechend vorsichtig. Trotzdem muß man sagen: kein einziger Rutscher, selbst als ich dann begann, ein Schäuferl nachzulegen. Die S20Evo Reifen sind ausgezeichnet. Ich bin den Slalom dann schon ansatzweise forciert gefahren, fast mit harten Lastwechseln bzw. Steuerimpulsen, ohne daß ich irgendwelche Probleme mit Schieben übers Vorderrad oder sowas erlebt hätte. Wo das Limit gewesen wäre, kann ich nicht sagen. Ich habe es nicht ausprobiert. Übungsziele bei diesem Teil waren die Fahrtechnik des Drückens, die Blickführung und die Beweglichkeit.

Bei der Ausweichübung in einer weit gesteckten Kurve, immer noch auf feuchtem Asfalt, konnte man dann dank höherem Tempo mit Soft-Hangoff fahren und musste sauber die Linie ändern und korrigieren, als ein Trainer in die markierte Fahrspur hineinstieg. Für mich war es relativ erstaunlich, daß die Reifen trotz dieser Korrekturen in Schräglage keinerlei Ansätze zum Rutschen zeigten.

Und in banger Erwartung der nachmittäglichen Bremsübungen streute ich bereits den einen oder anderen Bremstest in entlegenen Ecken des riesigen Veranstaltungsplatzes ein. Das war nicht ermutigend, denn es stellte sich heraus: selbst auf nassem Asfalt steigt mir die R3 bei vehementer Bremsbetätigung (incl. Hinterbremse und Kupplungsbetätigung, wie unterrichtet) auf. Nochmal eine Sache, mit der ich nicht gerechnet hatte. Der Reifengrip war also selbst bei Nässe extrem gut. Meine Vorfreude auf den für mich so spannenden Bremsteil hielt sich umsomehr in engen Grenzen.

Die Mittagspause

Widmen wir nun der Mittagspause – auch dieses Mal beim Gastagwirtn – einen eigenen schönen Absatz. Geboten war ein komplettes Menü, fast lederkombi-sprengend, nicht ganz jedoch, und ja: meine Alne Maß-Supermoto-Känguruhlederkombi von Anno 2002 oder was weiß ich passt immer noch und fand bei dieser Veranstaltung mal wieder eine ideale Anwendung. Aber zurück zum Essen: im noblen Saale wurden Suppen, Salatbüffet, rosa gebratene Lendchen und ein traumhaftes Desert (etwas in der Art hatte ich vorher noch nie gesehen) für Marzipanfanatiker wie mich gereicht. Das ganze mit einem alkoholfreien Bier und hinterher einem angenehmen Verlängerten: da war der bedrohliche Bremsnachmittag völlig aus dem Bewusstsein entschwunden. Die schöne Rückfahrt über den Thalgauberg, entlang am Schober nach Fuschl und zurück zum Salzburgring über Hof war voller Erinnerung an unsere frühere Wohngegend und schön entspannend und schwungvoll zu fahren.
Bei der Einfahrt ins Fahrerlager vom Ring konnte man dann allerdings sehen: trockener Asfalt, keine Gnade beim ABS Bremsen.

Die Gefahrenbremsung mit der Yamaha YZF-R3

Nach gründlicher Instruktion zur Gefahrenbremsung schritten wir zur Tat und bremsten uns ein. Nach zwei reinen Hinterradbremsungen zum Warmwerden (die R3 reagiert hier problemlos) gab es dann die erste 50km/h Gewaltbremsung. Dieses Mal war für mich klar: es wird nicht gekniffen. Bereits bei der ersten Anfahrt bremste ich abrupt, und die R3 stieg wie befürchtet trotz spürbar regelndem Vorderrad-ABS hinten hoch. Das Gute daran: der Bremsweg bei 50km/h war subjektiv so kurz, daß es nicht zu weiteren Problemen gereicht hätte. Man steht da recht schnell. Das Neue daran: im Gegensatz zu früheren Bremstests regelte das ABS nun sehr wohl von Anfang an, aber das Aufsteigen wurde eben nicht grundsätzlich zuverlässig verhindert.
Die weiteren Bremsversuche verliefen zwar alle unterschiedlich, aber leider nicht so, daß man bedenkenlos voll reinhalten würde. Erst mit etwa dem vierten Bremsversuch reagierte die R3 plötzlich wie ausgewechselt: das Hinterrad blieb sicher am Boden, das ABS regelte es aus. Unglaublich. Für mich war nicht klar, was den Unterschied ausmachte. Vom Gefühl her wirkten sich bereits Nuancen bei der Art des Greifens aus, die Armhaltung, und man zieht den Bremsgriff auch nicht jedesmal genau gleich an. Auch Reifen- und Bremstemperatur sind wahrscheinlich ausschlaggebend. Eigentlich muß man aber sagen, kam es mir vor, wie wenn das ABS der R3 selbstlernend gewesen wäre und nun den richtigen Modus für mich gefunden hätte. Ich habe technisch wenig Ahnung davon, aber bezweifle das. Die R3 ist ein Budget Motorrad, wo man einfache Komponenten erwartet, keine komplexe Regelelektronik.
Letztendlich brauchst du jetzt einen Fahrzeugmechatroniker, der dir das konkrete System und seine Wirkungsweise darlegen kann. Wie arbeitet hier der Abhebeschutz, so vorhanden? Warum scheint er nicht jedes Mal einzugreifen? Gibt es ihn gar nicht? Welcher Fehler wurde bei der Regelbremsung gemacht, so daß das Fahrzeug hinten aufsteigen kann? Und warum funktioniert es manchmal ganz einwandfrei, so wie ich es letztes Jahr bei der Honda NC700X zuverlässig erlebt hatte? Fragen über Fragen.

Meine Learnings: Manuelles Ausregeln bei einer Gefahrenbremsung könnte notwendig sein, womöglich sogar bei Nässe. Dies entspricht der Aussage des vormals im ABS Artikel verlinkten Motorrad-Online Artikels. Andererseits ist auch klar geworden, daß die Situation der beim Bremsen hinten hochsteigenden R3 besser kontrollierbar ist, als ich es mir vorgestellt hätte.

Die Brems-Ausweichübung

Als Kombination aus dem Gelernten wurde dann eine Übung gesteckt, die aus kurzem Notbremsen und anschliessendem Ausweichen bestand. Die Situation hier wäre in etwa: Fahrzeug nimmt einem die Vorfahrt, der vorhandene Bremsweg reicht nicht mehr, man muß die Bremsen lösen und ausweichen. Diese Übung war für mich in der Form neu, denn ich hatte bisher ABS Regelbremsungen nur als Einzelmanöver durchgeführt. Also: Anfahren mit ausreichendem Tempo (die vorgeschlagenen 50km/h waren zuwenig für den vorhandenen Bremsweg, da hatte das schnelle Ausweichen dann keinen Sinn mehr), Bremsen lösen und bei weiter gezogener Kupplung ein Ausweichmanöver fahren. Letztendlich erschien mir das gar nicht so tragisch, aber lt. Aussage der Instruktoren hat diese Übung das Potential, Teilnehmer zu Fall zu bringen. Also lieber vorsichtig angehen! Grade bei diesem Manöver hat man die Unwägbarkeit des Reifengrip, der in der Teststellung sehr gut war, im Straßenverkehr aber womöglich sehr tückisch ist, weil man harte Übergänge vom Bremszustand über Ausfedern in den Einlenkzustand hat. Und auf einer echten Straße wäre man dann u.U. noch dazu im Gegenverkehr. Anders ausgedrückt: man hat alle Hände voll zu tun.

Abschluß

Bei der abschliessenden Besprechung wurde eine Airbagweste vorgestellt, die wirklich praxisgerecht erschien. Ich hatte mir vor vielen Jahren ein Neckbrace gekauft. Das Geld hätte ich mir sparen können, denn das erledigt so eine Airbagweste zum gleichen Geld besser, zudem ist sie gleichzeitig auch ein Rückenprotektor. Leider habe ich zu erfragen vergessen, ob das auch in Verbindung mit einem Rucksack noch funktioniert. Wer viel im Straßenverkehr mit Motorrädern fährt, sollte die Anschaffung einer solchen Weste überlegen, denn das vorgestellte Teil dürfte keine zusätzlichen Erschwernisse in Bezug auf das ganze elende Gefuddel mit dem Equipment bei jeder Fahrt mitbringen, aber große Vorteile bei einem eventuellen Crash bringen. Das ist eine Überlegung wert.

Diese Veranstaltung war für die Teilnehmer kostenlos. Ich bedanke mich bei den Trainern und Veranstaltern der Landespolizei Salzburg für diese Möglichkeit der fahrerischen Weiterbildung. Motorräder sind sehr unterschiedlich, und mit der R3 war ich bei diesem Training der einzige Teilnehmer, bei dem die ABS Bremsung etwas ungewöhnlich verlief. Man hatte berichtet, daß es bei anderen Veranstaltungen mit dem Modell MT-07 zu ähnlichem Verhalten gekommen war. Was die MT-07 betrifft, hatte meine Frau bei ihren beiden bisherigen Bremstrainings keine argen Vorkommnisse beim Anbremsen gehabt. Ich habe es selbst mit der MT-07 noch nicht in voller Vehemenz getestet, aber konnte bei starken Bremsungen mit vorne regelndem ABS soweit erstmal kein aufsteigendes Heck beobachten.

Wie dem auch sei, es würde sich empfehlen, das eigene Motorrad diesbezüglich gut kennenzulernen. Ich würde keine Pauschalaussagen wie „das geht immer genau so“ wagen. Bei vielen Fahrzeugtypen wird das Verhalten problemlos sein. Aber was wäre jetzt beispielsweise bei Extrembremsungen im starken Gefälle? Geht auch das immer problemlos gut? Die 100% Funktionssicherheit scheint es nicht zu geben. Die eigenen Extrem-Bremsfähigkeiten bleiben u.U. auch mit ABS am Fahrzeug gefragt. Ich empfehle auf jeden Fall, mit dem eigenen Motorrad ein solches Training zu absolvieren, und zwar nicht nur weil es Spaß macht und man dabei sehr nette Leute trifft, sondern weil man das Gefühl für das eigene Fahrzeug, insbes. die Bremsanlage unglaublich schärft und man sich ggfs. dessen versichern kann, daß das eigene Motorrad unproblematisch reagiert. Und dabei geht es um den hoffentlich nie eintretenden (illusorisch!) Fall der u.U. lebensrettenden Gefahrenbremsung, nicht um motorsportliches Bremsen. Letzteres hatte ich über lange Jahre reichlich im Streckeneinsatz üben können, aber das hat mir für die Gefahrenbremsung nicht wirklich viel geholfen: Laborbedingungen vs. Real life. Wirklich ein schwieriges Thema.

Ein weiteres Dankschön an die Veranstalter und Trainer für die wunderbaren Fotos von den Fahrmanövern! Einige davon wurden in diesen Blogartikel eingebunden und haben mich sehr zum Staunen gebracht.

Yamaha YZF-R3 Wettbremsen - Foto der Salzburger Landespolizei
Yamaha YZF-R3 Wettbremsen – Foto der Salzburger Landespolizei

2 thoughts on “Fahrsicherheitstraining im Salzburgring-Fahrerlager

  1. Hallo Phil,
    was hast du mit deinem Garagenblog gemacht???
    Heute hat mich mein Antivirenprogramm zum ersten mal gewarnt deinen Blog zu öffnen wg Zertifikatfehler.
    MfG
    Harald

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