Radikaldiät

Runtersteigen von einer Yamaha MT-07 auf eine MT125? Wie schlimm kann das werden? Warum würde man das tun? Selbst wenn man schon immer ein Freund kleiner und leichter Motorräder war, wenn man auf Standesdünkel, Technologieträger, Premiumfahrzeuge pfeift, diese Frage ist schmerzvoll, zumal man als 125er Fahrer ja auch noch das eine oder andere etwas unangenehme Klischee erfüllt.
Trotzdem stelle ich die Frage. Seit 2016 auf MT-07 unterwegs, inzwischen wohl wirklich versaut durch diesen angenehmen unpenetranten lässig druckvollen Antrieb, da droht ein tiefer Fall. Man gerät nach einigen Jahren mit der MT-07 in eine sensorische Schieflage, eine ungerechtfertigte Saturiertheit, als ob so ein Antrieb eine Selbstverständlichkeit wäre. Daraus mußte ich mich mühsam wieder befreien.
Dies begann, als endlich die 2020er MT125 vor zwei Wochen in die Garage gekommen war. Der zukünftige Fahrer konnte aufgrund der Pandemie die Fahrstunden nicht erbringen, so daß ich als Einfahrfahrer (natürlich mit Sozius) die Ehre der ersten bisher 400km hatte.
Inzwischen haben wir richtig Spaß! Aber frage nicht, die ersten Fahrten waren frustrierend. Da ging erstmal garnix. Und das hatte ich so nicht erwartet, zumal wir mehrmals 125er und sogar 50er Roller in der Garage hatten. Darauf hätte ich eigentlich geeicht sein müssen.
Zurück zur Frage. What for?
„Weniger ist mehr“ scheint mir ein valider Grundsatz zu sein, im Gegensatz zu nicht enden wollendem Leistungshunger. Die MT125er ist ein aktuelles vollständiges Motorrad mit zeitgemässen Basisfeatures, ist realistisch betrachtet schnell genug für unsere und italienische Landstraßen, mal abgesehen von Überholvorgängen.

Und man kann damit ohne jeden Zweifel ganz locker und sorgenfrei nach Italien fahren, genau wie man die tägliche Pendlerfahrt damit erledigt. Und das Fahrzeug ist dabei herrlich leicht, agil, zierlich, alles ist wahnsinnig leichtgängig, total ballastfrei. Anders als unsere ehemaligen 125er Roller ist die kleine MT zudem uneingeschränkt fahraktiv. Abgesehen von viel Motorleistung hat man für meinen Bedarf die wichtigen fahrdynamischen Wunscheigenschaften. Das Fahrwerk, insbesondere die Gabel sind adäquat, das Federbein reicht für Solobetrieb, kein Vergleich zur MT-07 bis Modell 2017, deren Federungskomponenten bei längeren Fahrten mit Erwärmung nurmehr schwabbeligen Schlauchbootbetrieb ermöglichten. Nein, das funktioniert mit der serienmässigen 125er einwandfrei! Sitzposition und Ergonomie finde ich super angenehm.
Und noch ein Punkt: die neue MT125er verbraucht extrem wenig Sprit. Das ist grandios. Mit geringfügig über 2l/100km, (Soziusbetrieb bei uns im Hügeligen!), schlimmstenfalls bei den Journalistentests mit viel Ausdrehen 2,5l/100km kommt man mit maximal einem Tankstop trotz des nur 10l fassenden Tanks in Italien an. Das ist cool. Ich mag das.
Und es gibt noch einen Punkt: schon mein vormaliges R3 Projekt war bereits in diese Richtung gedacht. Auch die R3 war subjektiv deutlich leichter als die MT-07, ebenfalls ein „Budget-Bike“, und bei solchen eher preisgünstigen Motorrädern kann man mit moderatem Aufwand Gewicht schinden. Viele Teile sind billig und schwer gemacht, anders als bei teuren edlen Motorrädern, wo man häufig trotz hochwertiger leichter Materialien immer noch 200kg und mehr hat. Hier hingegen schnell ein paar billige Stahlteile tauschen, schon summiert es sich.

Und diese Vorgehensweise war bei der R3 ein voller Erfolg und hat mir Spaß gemacht. Im Fall der MT125 muß man leider allein schon aus visuellen Gründen zwingend den wahrhaft scheusslichen klobigen und schweren einteiligen Stahlauspuff gegen das Akrapovic Pendant tauschen und dabei hoffen, daß diese Nachrüstanlage keinen zusätzlichen Lärm macht, denn leider ist die MT125 bereits ab Werk – anders als die MT-07 – kein wirklich leises Motorad, was ich extrem schade finde. Ich bedauere, dass Yamaha keinen Unterflur-Schalldämpferkasten verbaut hat wie bei den anderen MTs, sondern stattdessen den Raum mit der Federbeinanlenkung verbraucht hat. Das hätte man eleganter lösen können.
Und zum Schluß kämen die kleinen aber feinen Veredelungen, mittels derer man aus der MT125 ein Fahrzeug macht, welches auch im Detail technische Reize bietet und Freude macht.
Das alles zusammen wäre für mich ein Projekt, welches die Überlegungen rechtfertigt. Ein technisch attraktives modernes leichtes Minimalmotorrad ohne Leistungsüberschuß bei begrenztem Budget und hoher Zuverlässigkeit. Es liegt dann allein an der Fahrerin bzw. dem Fahrer. Das wäre ein Versuch, so geschickt wie möglich mit etwas weniger auszukommen, und gerade daraus dann mehr Freude zu beziehen und die Sache interessant zu halten. So betrachtet liegt mir die Fragestellung überhaupt nicht fern.

Aber

Trotz allem möchte ich nachschicken, daß ein derartiger Downgrade im Moment nicht realistisch erscheint. Das hohe Roß MT-07 ist zu hoch zum Absteigen. Seit 2016 fahren wir MT-07, und die Freude mit diesen angenehmen Fahrzeugen ist ungetrübt.

Yamaha MT125 und MT-07
Yamaha MT125 und MT-07

4 thoughts on “Radikaldiät

  1. Hey Phil, sieht nach viel Spaß aus. Freut mich dass du immer noch so eine Begeisterung zu den Bikes teilst. Seit ich wieder in Salzburg bin, fahre ich nun wieder MTB u werde mich nun endlich von meiner 660z trennen :). Immer wieder schön hier vorbei zu sehen und News zu entdecken. Gruß dein Kumpel Roli 😉

    1. Servus Roli! Das freut mich, von dir zu hören. Ja die Tenere Zeiten sind ein bisserl vorbei bei mir, weil ich quasi nurmehr im Alltag fahre. Freizeitfahrten, Urlaube usw. kommen nurmehr extrem selten vor. Es soll nach wie vor Spaß machen, aber Zuverlässigkeit und Wirtschaftlichkeit stehen ganz oben. Zum Glück gibts solche Fahrzeuge. Als Nachfolger meiner 660er Tenere hätte ich mir nicht viel vorstellen können, denn die Kiste war ziemlich mein Ding, nur schwer halt. Heute gibts allerdings etwas, nämlich die neue T7, also die Tenere mit dem CP2 Motor der MT-07. Die ist leichter als die alte 660er, hat einen extrem schön zu fahrenden zuverlässigen wirtschaftlichen Motor und hat im Gegensatz zur MT-07 und zur alten 660er auch noch technisch attraktive Fahrwerks- und Chassis-Komponenten. Also wenn man da den Kreis schließen wollte, das wäre eine amtliche Wahl ohne Luxus Attitüde oder Bigenduro-Bräsigkeit.
      Radfahren ist bei mir ebenfalls das Topthema, auch im Blog, das versteht sich.
      Mit der neuen kleinen MT125 werden wir noch sehen wie ich weitertue. Sie ist ja nun in der Garage und ich kann damit fahren. Ob ich den Downgrade von meiner echt guten MT-07 wirklich vollziehe, daran habe ich noch meine Zweifel. Die 7er ist einfach zu gut, so wie sie bei mir ist. Aber interessant ist es dennoch für mich. Das ist leichtgewichtige zeitgemäße Einpersonen-Mobilität. Realistisch betrachtet brauche ich dafür keinen starken Motor, solang das ganze Ding mir trotzdem Spaß macht und gefällt. Stammtisch habe ich eh keinen 😉

      1. Die Z ist schon spaßig aber wenn ich ehrlich bin war sie mein erster und letzter Eintop :P. Ich steh mehr auf 2 Kolben, mehr Wumms unten raus und tiefer Sound liegt mir auch mehr als das hochtourige Gebrülle xD. Aber bis ich mir wieder ein Bike mit Otto Motor zulege, werden noch ein paar Jahre vergehen. Aber da ich total den Spaß im MTB gefunden habe, überlege ich ob ich mir ein E-MTB zulegen soll… bin echt am hadern. Wenn ich mich abrackere und ich werde gemütlich überholt denk ich mir auch meinen Teil, aber die Probefahrt die ich letztens gemacht habe war so was von spaßig. Das Ding macht echt Laune und vor allem kommt man ziemlich schnell, ziemlich weit und kann auch fix am Abend nach der Arbeit noch eine größere Rund drehen ohne eine Stunde auf 160 zu pumpen, soll ja mit 40 auch nicht mehr so gesund sein :P.
        Vor allem habe ich immer ein Stück zu fahren bis ich einen Trail / Waldweg finde.
        Naja mal sehen ob ich mich dazu überwinden kann oder ob ich mir ein Bio – Fully kaufe :).
        Hoffe sonst gehts euch gut und ihr übersteht die Corona Zeit unbeschadet.
        lg

        1. Ja, der CP2 Motor in der Tenere 700 ist genau ein solcher richtig gut zu fahrender 2 Zylinder. Ein klasse Motor. Und dabei unkaputtbar, wirtschaftlich und völlig unpenetrant.
          Beim Thema Pedelec vermeide ich die typischen Schubladendiskussionen und Grabenkämpfe verschiedener Hardlinergruppen und selbsternannter elitärer „Gralshüter des Radsports“. Wirklichen Radsportlern ist dieses Thema ohnehin völlig egal, weil die leistungsmässig ganz woanders arbeiten als der harmlose Pedelec Freizeitfahrer, oder sie nutzen sogar selbst ganz entspannt Pedelecs. Wir jedenfalls sind nicht bei der Tour de France, sondern fahren Fahrrad. Die Pedelecantriebe haben sich in den letzten Jahren stark verbessert und sind auch für sportive Radfahrer angenehm zu fahren (denn das war nicht immer so). Also heutzutage hat man da schon richtig Spaß damit, und ggfs. auch Nutzwert. Man muß einfach schaun, was genau einem taugt, und dann macht man das.
          Wir betreiben hier zwei Pedelecs, mit denen wir in erster Linie längere und sehr schöne Grundlagenausdauerfahrten im Hügeligen machen, auch mal zu irgendwelchen Erledigungszwecken, zum Pendeln, oder einfach so, und das läuft hervorragend. Man steigert damit sehr motiviert und angenehm die eigene Fitness und beginnt ganz automatisch, selbst immer mehr Leistung zu bringen, weil diese neueren Antriebe das honorieren oder zumindest nicht dabei stören. Und aktuell fahre ich jetzt ohne Not meistens mit normalen Rädern, das hat dadurch wieder viel Anreiz gewonnen, weil die Sporträder halt so leicht sind und ich eben immer auch sehr gerne leichte Räder fahre.
          Das E-MTB Faß habe ich bisher nicht aufgemacht. Für mich als früheren Endurofahrer wäre da in erster Linie speziell die mit Hilfsantrieb mögliche Fahrtechnik spannend, also Stellen hochfahren zu können, die mit dem normalen Rad einfach nicht gehen.

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