Straightpull vs. Speichenbogen

Geschichte

Vor sicher 25 Jahren bereits habe ich begonnen, meine Fahrrad-Laufräder mehr und mehr zunächst selbst zu reparieren, dann auch komplett selbst aufzubauen. Der Grund war zunächst gar nicht so sehr technisches Interesse, als vielmehr die simple Notwendigkeit aufgrund der wirklich miesen Qualität maschinengespeichter Laufräder in hochwertigen Sporträdern damals. An meinen ersten beiden Rennrädern hatte ich – sehr häufig im Hügeligen und im Wiegetritt unterwegs – regelmäßig Speichenbrüche bei den Serienrädern, die irgendwann einfach nur noch entnervend waren.

Aus der Notwendigkeit ist dann technisches Interesse geworden. Aktuell wiederum baue ich nurmehr dann selber, wenn ich eine bestimmte Konfiguration brauche oder vorhandene Teile verwerten/rotieren möchte. Die namhaften Komponentenhersteller bauen mittlerweile hübsche leichte ausgefeilte Systemradsätze, die man als haltbar bezeichnen darf, und die bei Selbstbau zu viele Spezialteile bzw. spezielle Verfahren oder eben professionelle Ausrüstung erfordern würden.

Whizz Wheels

Schon in der früheren Phase meines Eigenbau-Interesses gab es die namhafte Firma Whizz-Wheels, welche bereits sehr frühzeitig aus den einschlägigen Magazinen bekannt war, denn dort ging man das leidige Thema Laufradstabilität sehr gründlich an. Whizz-Wheels war bekannt dafür, bezahlbare leichte Laufräder mit lebenslanger Garantie gegen Speichenbruch handwerklich perfekt und nach Wunschkonfiguration aufzubauen. Oft waren deren Räder damals auch erfolgreiche Testkandidaten, und daran hat sich vermutlich bis heute nichts geändert, ich lese allerdings seit vielen Jahren keine Radmagazine mehr.
Ein sehr lesenswerter und informativer Artikel zu Naben der Firma Whizz Wheels hat mich zu diesem Blogartikel bewogen. Man findet eine gute Zusammenstellung des Achs-Wirrwars, sowie eine Aussage zu straight pull Naben, die ich aus meiner beschränkten Laien-Erfahrung kommentieren möchte. Whizz Wheels verbaut nämlich lt. deren Aussage keine Straightpull Naben, und die Begründung dafür ist nicht von der Hand zu weisen. In diesem Blogartikel beziehe ich mich unter anderem – wo erwähnt – auf Aussagen des verlinkten Whizz Wheels Artikels. Bitte beachten Sie: Whizz Wheels als Firma sind langjährige namhafte erfahrene Laufradbau Profis. Ich bin langjähriger Hobbyist und Laie. Werten Sie die Aussagen entsprechend!

Zentrale Aussage des Whizz Wheels Artikels

Sinngemäß: „Mit straight pull Naben löst die Fahrradindustrie ein Problem, welches faktisch nicht existiert.“
Dem kann ich nicht widersprechen. In der Tat brechen Speichen bei mir wenn überhaupt, dann beim Speichennippel, und zwar aufgrund eines ungünstigen Eintrittswinkels in die Felge. Der gefühlt „empfindliche“ Speichenbogen reißt nicht, wenn die Speichenspannung hoch genug ist. Risse am Speichenbogen waren Probleme von anno dazumals, wenn ein Rad einfach zu lose zentriert war, so daß die Speichenbögen in den Speichenlöchern der Nabe arbeiteten. Mit guter Zentrierarbeit kann man das abhaken. Der Wegfall des Speichenbogens durch straightpull Naben bringt faktisch keine zusätzliche Sicherheit gegen Brüche beim Speichenbogen. Das ist auch meine Erfahrung.

Aber

Bei ungünstigen Naben/Felgenkombinationen, wie in meinem verlinkten Fall die SRAM X.9 Nabe mit relativ hohen Flanschen und einer kleinen Kinetix Komp 406mm (20″) Felge mit relativ hohem Profil bekomme ich den erwähnten ungünstigen Felge/Speiche Winkel, und das lieferte bei mir seit vielen Jahren mal wieder ein echtes Einspeichproblem. Zwei Speichen waren mir am Speichennippel bei diesem einwandfrei zentrierten Laufrad gerissen, dann habe ich es aufgelöst. Das parallel betriebene straight pull Laufrad war bei gleicher Einsatzweise komplett problemfrei. Hier war es durch die niedrige Flanschhöhe und den somit sehr direkten Speichenverlauf in die Felge nicht zu einer nennenswerten Biegesituation der Speichen gekommen.
Ich würde insofern ergänzen, daß straight pull bei kleinen Laufrädern einen positiven Effekt haben kann. Bei großen Rädern kommt dieser Effekt weniger zum Tragen.

Flanschbrüche

Ob man bei straight pull Naben eine bessere Nabenstabilität hat, kann ich anhand meines Fundus nicht beweisen. Dies ist spekulativ. Leichte Naben mit hohen Flanschen sind vermutlich bei hoher Speichenspannung anfälliger für Brüche an der Nabe, als leichte straight pull Naben, welche eine solide Speichenaufhängung mit gegenseitiger Abstützung bietet. Dies geht einher mit dem Zwang zum dreifach gekreuzter Speichung. Hier erlaubt straight pull keine Wahl, wohingegen konventionelle Naben unterschiedliche Speichmuster bis hin zur Radialspeichung ermöglichen, welche eine höhere Belastung für die Nabenflansche mit sich bringt, weil die Speichenspannung dabei radial auf die Flansche wirkt, also sich im Flansch nicht teilweise aufgrund tangentialen Speichenverlaufs gegenseitig aufhebt.

Am Rande: es gibt aber sehr wohl Systemradsätze mit straight pull Naben und zumindest einseitigem radialem Speichschema. Beispiel: Mavic Ksyrium SL/ES. Dies wäre dann typischerweise kein Projekt für einfache Laufradbau Hobbyisten.

Reinigungsaufwand

Eine verdreckte straight pull Nabe sauberzukriegen, erfordert vermutlich mehr Aufwand als bei konventionellem Nabenflansch, weil die straightpull Aufhängungen verwinkelter sind. Ein Thema für penible Offroad- und Schlechtwetter-Fahrer.

Verdrehen beim Verschrauben/Zentrieren

Ein schwerwiegender Punkt des Whizz Wheels Artikels: Speichen mit geraden Köpfen können sich in ihrem Sitz verdrehen, anders als Speichen mit abgewinkelten Köpfen. Der Aufwand beim Einspeichen erhöht sich wesentlich. Ganz klar, das nervt. Insbesondere in der Phase bis zur Initialspannung der Speichen, also dem Übergang von losen Laufrad zu einem nicht mehr wackelnden minimal vorgespannten „Zentrier-Rohling“ kostet das Einklemmen der losen Speichen mit einer präparierten Haltezange viel Zeit. Im dümmsten Fall beschädigt man vielleicht sogar eine Farbschicht der Speiche. Das Halten der Speiche ist anfangs deshalb notwendig, weil hochwertige Speichennippel meistens einen Schutz gegen Lösen eingebaut haben. Sei es eine Ovalisierung oder eine chemische Substanz, wodurch der Nippel nicht ganz leichtgängig aufgeschraubt werden kann, man also zwingend gegenhalten muß.
Speichen mit abgewinkelten Köpfen sind automatisch gegen Verdrehen gesichert, man muß zumindest in der losen Phase nicht gegenhalten.

Aber: in jedem Fall muß man beim Zentrieren das In-Sich-Verdrehen von Speichen verhindern. Je dünner die Speiche, desto vorsichtiger muß gearbeitet werden, unabhängig vom Nabentyp. Es kann in beiden Fällen nötig sein, die Speiche nahe beim Speichennippel gegen Verdrehen zu sichern. Diesbezüglich unterscheidet sich das ganze beim Zentrieren dann nicht mehr sehr stark. Da spielt auch Erfahrung und Handgefühl mit dem Nippelspanner eine große Rolle. Zusammengefasst ist der Aufwand beim Aufbau des Rades wegen des Gegenhaltens deutlich größer als bei abgewinkelten Speichen. Ist so. Leider.

Einspeichen

Whizz Wheels beschreibt auch Probleme beim Einziehen von Speichen, abhängig vom Nabendesign. In der Tat kann es sein, daß sich straight pull Speichen nicht vollständig einfädeln lassen, weil die Speichenköpfe durch die benachbarten Speichen daran gehindert werden, in den vorgesehenen Sitz in der Nabe zu rutschen. Das ist lästig und muß dann quasi durch Gefrickel gelöst werden. Beim initialen Einspeichen ist es insofern handhabbar, als die Speichen noch lose sind und entweder ausweichen können, oder aber ggfs. wenn nötig nochmal leicht demontierbar sind. Beim nachträglichen Austausch defekter Speichen kann das echt lästig sein. Ich gehe für meinen Einsatz davon aus, daß ein ordentlich gebautes Laufrad keine Speichenrisse haben wird. Kommt es aber durch äußeren Einfluß zu einem Speichendefekt, dann habe ich ohnehin mehr zu tun und würde das Rad evtl. sowieso auflösen.

Es hat aber auch sein gutes: Im Normalfall zieht man die Speiche glatt ein, führt sie über die dritte Kreuzung ohne jedwedes Verbiegen drüber und verschraubt sie in der Felge. Dazu ist keinerlei Biegen der Speiche nötig, und somit ist auch das Risiko geringer, die Felge beim Einspeichen zu verkratzen. Bei konventionelle Speichen muß man die Speichen notgedrungen quer statt radial einfädeln und sie dann in die Wunschposition bringen, was gegen Ende des Einspeichvorganges immer mühsamer wird und mit einem elastischen Verbiegen der Speichen einhergeht.

Speichschema

Straight pull Naben geben das Speichschema vor. Mich stresst das weniger, weil ich meine Räder weitestgehend mit Scheibenbremsen betreibe, so daß ich ohnehin kaum eine Wahl habe. Ausschlaggebend ist für mich einzig ein günstiger Winkel zwischen Speiche und Felge, wie bereits ganz oben beschrieben. Wenn das passt, ist es mir recht.

Es mag hier Ausnahmen geben, insbesondere bei Systemradsätzen mit speziell geformten Speichenköpfen, invers verschraubten Speichen uswusf.. Dies sprengt aber meine Hobby-Betrachtungen. Wer entsprechend ambitioniert ist, weiß dann schon, was Sache ist.

Visueller Eindruck, Design

Die „Optik“ wird im Whizz Wheels Artikel als ein Grund für straight pull Naben beschrieben: Zurecht, finde ich. Keine Frage, es gibt sehr stylische, hochwertig und edel aussehende konventionelle Laufräder, gerade wenn Hochflanschnaben im Spiel sind (siehe z.B. Artikelbild, die American Classic Nabe). Ein Touch an Nostalgie verbleibt diesen Rädern aber immer. Das liegt speziell bei mir auch an der langjährigen Beschäftigung mit Motorrädern, speziell Sportenduros, wo seit je her straight pull Speichen verbaut werden. Mir wäre nicht bewusst, an einem Sportmotorrad jemals eine Motorradspeiche mit abgewinkeltem Speichenkopf gesehen zu haben.

Mir selbst geht nichts über die technische elegante Stealth Optik meines DT Swiss P1750 Spline Rennrad-Radsatzes, auch im Artikelbild oben zu sehen. Aber das ist nur meine eigene Meinung. Vergleicht man mit der ebenfalls hochwertigen und abgebildeten DT Swiss Bigride Nabe, dann finde ich letztere recht schnöde, was den visuellen Eindruck angeht. Schade eigentlich, denn dieser Fatbike Laufradsatz ist ansonsten wunderbar.

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