WR250R Gebrauchtkauf

Die WR250R/X Dualsportenduro bzw. Supermoto ist ein kleines sportliches Motorrad, das man unbesorgt gebraucht kaufen kann. Selbst bei höheren Kilometerständen oder dem Erstjahrgang gibt es (im Gegensatz zu vielgefahrenen Sportenduros, die oft ausgenudelt sind) keine grundsätzlichen Einwände, sofern man ein paar Dinge beachtet. Die WR250R ist -obwohl bereits seit 2008 am Markt- technisch immer noch aktuell in ihrer Klasse und nimmt es in allen relevanten Disziplinen locker mit der deutlich billigeren und auch schwereren Klassenkonkurrenz von Kawasaki und Honda auf, wie Tests mehrfach bestätigten. Die Yamaha hat sich als die sportlichste und offroadtauglichste Dualsportenduro herausgestellt, ohne bei Wirtschaftlichkeit oder Haltbarkeit Schwächen zu zeigen.

  • Homologation: Die WR250R hat einen 250ccm Motor mit 31PS, der von Yamaha im Rahmen der Möglichkeiten einer offenen Homologation ziemlich ausgereizt wurde. Dafür wurden mehrere Regelungen verbaut, die es bei nicht (bzw. nur gedrosselt) zulassungsfähigen Sportenduros in dieser Form nicht gibt:
    • Exup: der geregelte Krümmerquerschnitt ist fest mit dem Endtopf verbunden und nicht davon trennbar. Er wird ueber ein Servo mittels Seilzügen von der linken Fahrzeugseite her bedient. Dieses System ist keine Drossel, sondern vielmehr eine Staudruckregelung, die im niedrigeren Drehzahlbereich zu etwas mehr Leistung führt. Mit jeglichem Nachrüstschalldämpfer verliert man dieses System. Dazu muß man dann noch mittels einer kleinen elektronischen Schaltung den Servostromkreis überlisten, damit nicht ständig eine Warnanzeige im Cockpit kommt. Daher mein Tip: Serienauspuff belassen! Sichtbarkeit: der silberne pilzförmige Knubbel am Krümmeranschluß des Endschalldämpfers sowie die davon nach innen wegführenden Seilzüge. Servo unterm linken Seitendeckel.
    • Luftfilterkastenklappe: Der Luftfilterkasten besitzt eine unterdruckgesteuerte Verschlußklappe, um den Lärmpegel im homologationsrelevanten Bereich niedriger zu halten. Ist sie geschlossen, so saugt der Motor die Luft durch eine kleine Öffnung an. Bei hoher Drehzahl öffnet die Klappe und der volle Ansaugquerschnitt steht zur Verfügung. Dies stellt insofern auch eine Drossel dar. Manche Bastler entfernen diesen Mechanismus. Oft irreversibel.
      Sichtbarkeit: Unter der Sitzbank direkt am Luftfilterkasten ist von oben eine gut erkennbare Klappe.
    • Sekundärluftsystem: Im Gegensatz zu vielen anderen SLS funktioniert das der WR250R unhörbar, also ohne lästiges Patschen. Es bringt insofern nichts, dieses System zu entfernen. Sichtbarkeit: der Mechanismus mit dem senkrechten Metallrohr links vorne am Zylinderkopf
  • Diagmodus: schwer zu erkennen: bei der WR250R ist der Diagmodus im Cockpitcomputer zugänglich, wenn man weiß wie. Hier kann u.a. der sog. CO Wert verstellt werden. Ganz grob entspricht dies der Teillastgemischschraube an Vergasern. Dieser Wert beeinflusst Abgas- sowie Laufverhalten. Hier wird gerne von manchen Bastlern experimentiert. Um hier wirklich sauber zu experimentieren, wäre aber eigentlich umfangreiches Messequipment nötig. Tip daher: Finger weg. Unmodifiziert ist besser. Leider sind nachträgliche Einstellungen hier nicht leicht erkennbar, da jedes Fahrzeug ab Werk ein anderes Setup hat, somit also keine definierten Basiswerte vorliegen.
  • Motorcontroller: wie bei vielen anderen Motorrädern können auch bei der WR250R zusätzliche Motorcontroller verbaut werden. Es gibt deren mehrere. Der bekannteste ist der Powercommander, dann gibt es einen Controller von FMF für deren Powerbomb Auspuffanlagen, sowie noch weitere speziell in den USA. Auch hier ist Vorsicht angebracht. Planloses Wurschteln bringt oft Probleme, Startschwierigkeiten, ungewolltes Ausgehen des Motors und weitere Ungereimtheiten, die die WR ansicht nicht kennt und welche u.U. schädlich für den Motor sein können.
    Wenn sowas nicht sauber abgestimmt ist („ey hassu mal ne map für mich?“), Finger weg.
    Sichtbarkeit: Zusatzelektronik; je nach Einbaulage, evtl. unter der Sitzbank.
  • Kette und Schwinge: der neuralgische Punkt der serienmäßigen WR250R: die lumpige Serienkette. Hier nicht lange fackeln und keinesfalls auf Laufleistung spekulieren. Austauschen, wenn unbewegliche Glieder oder sonstige fragwürdige Punkte! Die von Yamaha vorgegebene und hier beschriebene Kettendurchhangsprozedur sollte eingehalten werden. Dies ist ein Update von Yamaha, entspricht nicht ganz genau dem alten Fahrerhandbuch! Den Durchhang relativ genau überprüfen. Ist die Kette zu lang, so reisst sie den Schleifschutz der Schwinge (vorne, beim Ritzel oben und unten an der Schwinge verlaufend) der Länge nach ab! Dies ist nicht auf den ersten Blick erkennbar. Dann fräst sich die Kette tief in die Schwinge hinein.
    Sichtbarkeit: Schwingenschleifschutz muss auf voller Breite der Kette verlaufen. Unter dem Schwingenschleifschutz sollte das Alu nicht brutal eingefräst sein. Mir ist das bereits passiert, ich habe Schleifspuren, es aber noch rechtzeitig entdeckt.
    Man hört das auch, wenn beim Gaswechsel aus dem Ritzelbereich komisch patschende Geräusche kommen. Dann sofort Kettenspannung und Schleifschutz prüfen.
  • Lüfter: eine kleine Schwachstelle ist der leider sehr teure Lüfter. Bei extrem heißen Einsätzen kann der Plastikventilator sich von der Achse verabschieden und klemmt dann unbeweglich hinter dem Kühler. Die Baugruppe ist bei der WR250R allerdings nicht einsehbar. Man muß genau wissen, wie man die mechanische Funktion des Lüfters vorsichtig ertasten kann: mit den Fingern von innen hinter dem Kühler in den Spalt der schwarzen Lüfterverkleidung hineintasten bis man am äußeren Rand des Ventilators anstößt. Dieser muß sehr leicht und geräuschlos drehbar (aber nicht verschiebbar!) sein. Hier aber keinesfalls mit Kraft drücken.
  • Motoröl/Ölwechsel: bei der WR250R ist ein Ölwechsel alle 5000km vorgeschrieben. Serviceintervall hingegen ist 10.000km. Der regelmäßige Ölwechsel sollte unbedingt durchgeführt werden, egal ob beim Händler oder in Eigenarbeit. Bei der WR250R keinesfalls am Motoröl bzw. Ölwechsel sparen! Dies wäre insbes. beim Gebrauchtkauf sicherzustellen. Ölmenge ist 1,4l. Ein Ölverbrauch ist bei der WR250R im Normalfall nicht feststellbar, sollte auch beim Gebrauchtfahrzeug nicht vorhanden sein. Ölstand wird über Schauglas an der rechten Motorseite kontrolliert. Nasssumpfschmierung.
  • Nachrüstteile: gerne werden Zubehörteile wie Lenker, Hebel usw. verbaut. Hier ggfs. die Legalität und Qualität erfragen bzw. checken. Originalteile noch vorhanden? Die WR250R/X wird auch gerne tiefergelegt. Ob die kinematische Umlenkung für das Federbein original ist, bzw. ob andere Umlenkhebel bzw. eine geänderte untere Federbeinverschraubung (das U-förmige Frästeil unten am Federbein) verbaut sind, ist u.U. nicht offensichtlich.
  • Startverhalten: die serienmäßige WR250R hat einen akuraten Kaltstart, braucht aber bei Heißstart gelegentlich ein paar Umdrehungen bis sie stabil läuft, bzw. geht unmittelbar nach dem Heißstart gern aus, wenn man schnell einkuppelt und dabei nicht genug Gas gibt. Dies regelt sich nach wenigen Sekunden ein. Es empfiehlt sich, nach dem Einschalten der Zündung noch etwas zu warten, bis der Startknopf gedrückt wird. In Bezug auf die Motorsteuerung muss man allgemein sagen, ist für mich Honda der Chef im Ring. Meine drei Honda Einspritzmotoren liefen immer perfekt, egal ob kalt oder warm. Man merkte das nichtmal. Die WR ist da etwas unkultivierter, hat insbes. ein ruckeliges Kaltlaufverhalten (unbedingt sorgsam warmfahren bzw. lt. Herstellervorschrift sogar etwas warmlaufen lassen!) und hat einen sehr harten Gasnullpunkt-Lastwechsel. Alles andere ist aber auch hier perfekt, insbes. der sehr niedrige Spritverbrauch trotz des hochdrehenden Motors.
  • Probefahrt: es folgen einige kleine Hinweise für eine mögliche Probefahrt. Wenngleich die 31PS der WR250R in mehreren Tests bestätigt wurden, kann man sie im serienmäßigen Zustand motorisch nicht unmittelbar mit einer 250er 4T-Sportenduro vergleichen. Der Motor beisst deutlich weniger an, was den geltenen Lärm- und Abgasgrenzwerten geschuldet ist. Leistung braucht hier Drehzahl, und daran muß man sich ein wenig gewöhnen, insbes. auch als Einzylinderfahrer. Vor der Drehzahl ist aber wie beschrieben ein sorgsames Warmfahren gefragt. Die WR250R hat eine angenehm leichtgängige Kupplung, die aber dank ihres kurzen Weges und dank des untenrum eher schwachen Motors heikel zu dosieren ist. Abwürgen des Motors ist insofern nicht ganz auszuschliessen. Nach dem Abwürgen am besten Zündung ausschalten und komplette Startprozedur durchführen. Alternativ kann man auch mit viel Gas anstarten, aber das nur bei warmem Motor bitte.

Das sind so die wesentlichen Punkte, auf die ich achten würde, bzw. die ich mir zusichern lassen würde. Sonst kann man alles an Verschleiss selbst beseitigen. Speichenspannung prüfen, Luftfilter prüfen, Öl- und Filterwechsel machen, wenn nicht 100% sicher, Federelemente auf Dichtheit prüfen, insbes. die Gabel. All diese Punkte kann man aber im Rahmen von Standardwartungsdurchgängen erledigen. Das ist normaler Verschleiss, der bei entsprechendem Einsatz des Fahrzeugs immer wieder auftritt. Auf jeden Fall Gabelmanschetten anbringen. Das verlängert die Wartungsintervalle an der Gabel bei Offroadeinsatz erheblich.

Dann muss man sich eigentlich keine Sorgen mehr machen.
Viel Erfolg beim Gebrauchtkauf!

(Nein, meine WR250R steht nicht zum Verkauf)