Zentrier-Video

Wie im Einspeich-Video angekündigt, folgt nun ein Zentrier-Video.
Das gestern für den Streetstepper RS20 aufgebaute neue Hinterrad mit der DTSwiss 350 Straight Pull Nabe wird in diesem Demovideo zentriert.

Hinweise zum Video:

  • 03:20 – initiale Speichenspannung: der eigentliche Zentriervorgang kann erst beginnen, wenn alle Speichen eine minimale Spannung besitzen, so daß das weitere Anziehen der Speichen unmittelbar auf die Form des Rades wirkt. Bis zu dieser initialen Spannung muß man es ohne große Anhaltspunkte irgendwie schaffen, die Speichen möglichst gleichmäßig auf diese initiale Spannung zu bringen, ohne daß das neue Laufrad dann eiert. Dies muß in mehreren Schritten rundum erfolgen, da man nicht genau weiß, wann alle Speichen auf Spannung kommen. Man muß sich also hintasten. Ich erinnere mich, daß dieser Arbeitsschritt früher für mich der unangenehmste in dem ganzen Prozedere war, weil es immer ein ziemliches Gewurschtel war. Würde man diesen Arbeitsschritt schlampig machen, so hätte man sehr schlechte Voraussetzungen für das nun folgende exakte Zentrieren des nun bereits sanft vorgespannten Rades. Fehler, die man eingangs macht, sind später nicht mehr leicht korrigierbar.
  • 03:35 – drei einzustellende Faktoren: gleichmäßige Speichenspannung, Höhenschlag, Seitenschlag. Man muß in diesen drei Dimensionen optimieren. Leider sind die drei Faktoren nicht voneinander unabhängig, sondern man beeinflusst bei jedem Arbeitsschritt immer alle drei Faktoren gleichzeitig. Nützlich ist auf jeden Fall, sich klarzumachen, daß ein Laufrad „auf Zug“ gebaut ist, und das Anziehen von Speichen immer auch eine direkte Wirkung auf den gegenüberliegenden Speichenbereich hat. Dafür muß man ein Gefühl und intuitives Verständnis entwickeln. Dies ist auch beim obigen ersten Schritt sehr wichtig. Ob bereits eine initiale Speichenspannung vorliegt, erkennt man erst bei der zweiten Hälfte einer Runde um das Rad, weil man erst dann die gegenüberliegenden Speichen auf die gleiche Spannung bringt und das Ergebnis der Runde sichtbar wird.
  • 07:50 – initiales Anziehen der losen Speichen fertig: bei diesem Laufradbau war genau zu dem Zeitpunkt, als exakt keine Gewindegänge mehr unterhalb des aufgeschraubten Nippels sichtbar waren die nötige initiale Speichenspannung gegeben. Das war somit recht einfach. Ist dies nicht der Fall, gibt es mehrere Möglichkeiten. Man arbeitet sich ggfs. mit dem Nippeldreher weiter und zählt die Umdrehungen. Oder wenn es noch weit fehlt, kann man mit dem Akkuschrauber oder Schraubenzieher von außen die Nippel so weit anschrauben, bis die Speiche die Schrauberklinge aus der Nut des Nippels drückt, und man nicht weiter drehen kann. Das ist ein relativ bequemes Verfahren, aber man braucht auch Gefühl dabei. Hätte man jetzt einen groben Höhenschlag, also ein echtes Ei oder einen groben Achter, so würde man nochmal lockern und diesen Arbeitsschritt wiederholen, bis das schwach gespannt Laufrad eine bereits akzeptable Form hat. Andernfalls würden man später eine sehr ungleichmässige Speichenspannung erhalten und hätte eine verminderte Laufradhaltbarkeit.
  • 10:23 – das eigentliche Zentrieren: die Felge muß genau mittig in Bezug auf die Nabenachsbreite (hier 135mm) liegen. Andernfalls hätte man eine asymmetrische Einstellung bei den Bremsarmen oder im Extremfall sogar ein einseitiges Anschleifen von Reifen oder Kette am Rad. Bei Sonderkonstruktionen wie Fatbikes oder bestimmten Umbausituationen kann man bewusst seitlich verlagert „zentrieren“. Dies habe ich beispielsweise beim Umbau des Tern Verge X10 Faltrades mit seinem 130mm Hinterbau auf die Alfine 8-Gang Schaltnabe getan.
  • Allgemein gilt: je größer das Laufrad ist, desto kleiner ist das Verhältnis von Speichengewindelänge zur Länge der ganzen Speiche, da selbst bei langen Speichen die Speichengewindelänge nicht länger als bei kurzen Speichen ist. Dies führt dazu, daß das Einspeichen kleinerer Laufräder in der Handhabung etwas einfacher ist: bei kleinen Rädern kommen einem die Speichen beim losen Einziehen zunächst etwas zu lang vor, straffen sich dann aber sehr schnell. Bei großen Rädern kommen sie einem hingegen zunächst etwas zu kurz vor, was das Aufbringen der Nippel etwas erschwert; sie spannen sich dann beim Anziehen der Nippel aber nur sehr langsam. Zudem sind kleine Laufräder zwangsläufig etwas verwindungsresistenter und somit fehlertoleranter. Große Laufräder hingegen lassen sich aus erwähntem Grund sensibler zentrieren, und dies ist auch notwendig.

Die Darstellung des Zentriervorgangs ist ungleich schwieriger als das Erklären des Einziehens der Speichen im ersten Video. Das sehe ich auch daran, daß mir das Video zu lang geworden ist. Beim Zentrieren braucht man Fingerspitzengefühl und Erfahrung, um eine geeignete Vorgehensweise für ein bestimmtes neues Rad zu finden und eine saubere Arbeit hinzukriegen. Das Video kann nur die grundlegende Idee und Vorgehensweise demonstrieren. Das nötige Feingefühl kommt mit der Zeit. Mehr Hinweise und Informationen sind im oben verlinkten Artikel mit dem Einspeich-Video zu finden.

All diese Informationen sind – genau wie das ganze Blog – auf Hobby- bzw. Laien-Niveau einzuordnen. Profis arbeiten anders und verwenden ganz anderes Werkzeug. Dennoch zeigt sich das beschriebene Vorgehen bei mir seit vielen Jahren als hinreichend gut, um steife, dauerhaltbare und sehr belastbare Laufräder zu erzeugen, die ich am Lastenrad mit teils hoher Beladung, bei Pässetouren und am MTB und meistens mit Scheibenbremsen gut getestet habe.