Fatbike Bestandsaufnahme

Bereits seit vielen Jahren verfolge ich mit großem Interesse das Fatbike Thema. Dabei handelt es sich um MTB-artige Fahrräder mit extrem breiten und dicken Reifen. Neben den Vorteilen der trendigen „29er“ bieten solche Fahrräder eine gute Eigenfederung bedingt durch dicke Reifen [Update: siehe letzten Absatz im Artikel], sowie ein sehr gutes Überrollvermögen von Unebenheiten und weichen Böden. Durch Verzicht auf Rahmenfederungssysteme kann man solche ideal offroadtauglichen Fahrzeuge gleichzeitig auch verwindungssteif, minimalistisch und wartungsarm gestalten. Über das Gewicht muß man sprechen. Siehe unten. In Kauf nehmen muß man bei vielen aber nicht allen Modellen starke Abweichungen von den bisherigen typischen Rahmenbauparametern bei Mountainbikes. Diese ändern sich aber ohnehin bereits seit mehreren Jahren ständig.

Einer der Pioniere in diesem Bereich war Surly mit dem legendären und bereits seit ewigen Zeiten verfügbaren Modell Pugsley. Surly bietet inzwischen mehrere Modelle (u.a. den „Moonlander“) an. Viele andere Hersteller haben aber nun nachgezogen. Fatbikes sind groß in Mode gekommen. Selbst in unserer Kleinstadt gibt es welche.

Bereits Ende 2008 hatte ich begonnen, mir unter dem Namen „Lunar Explorer“ ein eigenes Fatbike zu designen, welches ich mir von 2Souls Cycles bauen lassen wollte. Aus mehreren Gründen mußte ich dieses Projekt damals aber wieder aufgeben. Auf die Namenswahl bin ich in Anbetracht des späteren Surly Moonlanders aber heute noch stolz.

Nichtsdestotrotz, das Fatbike fehlt mir seit vielen Jahren in der Garage, und dies nehme ich zum Anlass, mal nachzusehen, was es aktuell so gäbe. Es folgt eine absolut unvollständige Liste von Herstellern und Modellen, die mir im Laufe der Jahre untergekommen sind.

Mein geschätzter Fahrrad- und Motorradkumpel Markus hat vieles zu diesem Artikel beigetragen. Er ist wie ich ein technikaffiner Fatbikefreak und beobachtet die Entwicklungen sehr genau. Ich danke ihm für zahlreiche Ideen und Tipps zu diesem Thema. Ja, irgendwann werden wir beide so ein Rad besitzen.

Hinterbau und Antrieb

Das Pugsley realisiert maximale Reifenbreite im schmalen 135mm Hinterbau durch asymmetrische Hinterbaustreben und ein seitlich versetzt gespeichtes Hinterrad, also vor allem eine stark asymmetrisch gebohrte Felge. Das ist notwendig, weil man bei den breiten Reifen zusammen mit einer Standardnabe andernfalls keinen Platz für die Antriebskette hätte: die Kette passt sozusagen nicht am breiten Reifen vorbei.
Auch andere Rahmenbauer haben diese Technik aufgegriffen. Viele aktuelle Rahmenkonstruktionen hingegen verwenden einen symmetrischem sehr breiten Hinterbau mit 170mm oder 190mm Einbaubreite i.d.R. mit Steckachse und entsprechend breiterer Kettenlinie. Notgedrungen braucht man aufgrund der weit außen liegenden Kettenlinie immer auch ein sehr breites Innenlager, um Schräglauf der Kette zu vermeiden.

Meine kleine Fatbike Liste

(unsortiert)

Diese Liste läßt sich beliebig fortsetzen. Die meisten namhaften Hersteller haben neuerdings sowas anzubieten. Technisch besonders interessante Exemplare nehme ich gerne auf.

Besondere Eigenschaften

  • Keine Rahmenfederung: Fatbikes wurden lange Zeit ohne Rahmenfederung gebaut, in den letzten Jahren ändert sich das allerdings. Der ursprüngliche Grund war: dicke Reifen, baulicher Aufwand/Spezialteile, Gewicht, Wartungsfreiheit, Verwindungsminimierung. [Update: siehe auch letzten Absatz dieses Artikels]
  • Rahmenmaterial: Wegen Gewicht, Winterkorrosion, sowie variablerer Rohrquerschnitte mag ich dabei Alu- oder Carbonrahmen. Echte Hardcore-Expeditionsteilnehmer würden evtl. Stahlrahmen den Vorzug geben.
  • Langer Hinterbau: grade aus USA kommen viele 29er usw., bei denen der Hinterbau so kurz wie möglich gehalten wird. Dabei wird sogar das Sitzrohr mit Krümmung ausgeführt, um Platz für das Hinterrad zu schaffen. Ich mag solche Räder aus mehreren Gründen nicht. Ein langer Hinterbau bringt ein ausgewogenes gutmütiges Fahrverhalten, eine bessere Radlastverteilung und weniger Probleme mit Dreck zwischen Reifen und Rahmen. Das Wendigkeitsargument wird m.E. überbewertet. Bergauf wird ein kurzer Hinterbau u.U. lästig wegen Überkippens.
  • Antrieb: Die Einbaubreite des Hinterbaus entspricht meist nicht dem MTB Standardmaß 135mm. Oft kommen Steckachsen zum Einsatz. Am einfachsten sind daher Kettenschaltungen zu verbauen, die andererseits problematisch bei Wintereinsatz sein können. Einige Hersteller bieten aber Rahmenadapter an, um Schaltnaben verbauen zu können, sofern das Achssystem das zulässt. Ein Fatbike wird als „All Terrain Vehicle“ sinnvollerweise sehr kurz übersetzt. Alfine Schaltnaben sind bei den kurzen Übersetzungen leider sehr eingeschränkt aufgrund des limitierten Eingangsdrehmomentes. Man wird deshalb ggfs. kaum um eine teure Rohloff herumkommen. Rohloff Fatbikes gibt es dafür fertig ab Händler. Rohloff bietet darüberhinaus mit der XL eine Spezialversion für Fatbikes mit Einbaubreite 170mm an. Das wäre aus meiner Sicht das Optimum für Betuchte.
  • Nabendynamo: Die vordere Einbaubreite beträgt meist 135mm, aber auch 150mm. Oft Steckachssysteme. Es gibt ein paar spezielle 100mm Gabeln, die sich nach oben hin aufweiten. Für Standard-Achsaufnahmen mit 100mm, aber auch speziell für 135mm Fatbike Gabeln gibt es passende Nabendynamos, wenn man ein Expeditionsrad mit Stromquelle haben will. Ich selbst mag aus optischen Gründen keine Gabeln, die sich nach oben hin aufweiten.
  • Allgemein muß man sagen: „von nichts kommt nichts“, „viel hilft viel“, „wenn schon denn schon“, „keine halben Sachen“. Also keine Kompromisse bei der Reifenbreite! Fahrten im Sand, Schnee oder Schlamm erfordern alles an Auflagefläche, was hergeht. „Moderate“ Fatbikes bringen wenig. Und normale Fahrräder sind selbst mit sehr breiten Reifen im Sand oder bei weichen Böden kaum fahrbar. Beispielsweise mein oranges Monster war bei 7,5cm Reifenbreite am Strand immer noch unfahrbar.

Update: Federung?

Oben bereits mehrmals angesprochen wurde das Thema Federung im Fatbike. Wir haben hier darüber auch oft diskutiert. Eine hochinteressante lesenswerte Testserie bei mtb-news.de geht bei all diesen Fatbike Themen sehr ins Detail und spricht aus der Praxis.
Wenn ich also oben von Eigenfederung der Reifen spreche, meine ich auch genau das. Du hast keinerlei Dämpfung, du bist sehr limitiert was den Federweg angeht, und der Reifenluftdruck spielt eine große Rolle. Aber es ist besser, als mit Rennradreifen über Querrinnen zu knallen. Als Endurofahrer kann ich sagen: dicke Reifen beim Offroadfahren sind ganz was anderes als dünne MTB Reifen. Allerdings käme ich niemals auf die Idee, mit einer Enduro ohne Rahmenfederung eine Endurostrecke zu befahren. Das wäre hirnrissig, gefährlich und materialmordend. Nun ist ein Fatbike aber keine Enduro, sondern in meinen Augen eher eine Art Expeditionsfahrrad, ich nenne es gern das „Paris-Dakar-Fahrrad“. In dem Moment allerdings, wo ein Fatbike MTB-sportlich eingesetzt wird, muß man es sich genauer ansehen. Wenn die Optionen „Runterbremsen“, „langsamer kontrollierter Trial“ oder perfekte materialschonende Fahrkunst nicht oder nur begrenzt existieren, gehts nicht ohne Rahmenfederung, also Federgabel und ggfs. gefederter Hinterbau. Beim zügigen Runterschottern über unebene Abfahrten haut es einem den Lenker schneller aus der Hand als man schaut, und die am Lenker montierten Geräte (GPS usw.) würden einem sowas auch übel nehmen. An Materialermüdung bei Gabel, Rahmen, Vorbau, Lenker will ich dabei gar nicht denken. Kurz: ich verstehe, daß gefederte Fatbikes angeboten und gekauft werden. Für mich selbst steht hier aber der Aspekt Minimalismus, Wartungsarmut, Gewichtsersparnis im Vordergrund, und mein ungefedertes Carbon-Dude läuft auf normalem steinigem unebenem Boden allein dank der weichen fetten Reifen super. Man sollte Kotflügel oder passende Plastiklappen zum Schutz gegen Schlamm/Schnee einplanen. Ob Befestigung mit Rahmenösen oder einfach per Kabelbinder oder Klett, ist dahingestellt. Sonst bleiben die Ausfahrten unter typischen Fatbikebedingungen ein kurzes nasskaltes Vergnügen.
Ein Grund für eine Federgabel ist evtl. aber auch die manchmal ungünstige Kombination aus Scheibenbremse und Starrgabel. Ich hatte bisher bei zwei Fahrrädern ein extrem lästiges selbstverstärkendes Schwingen einer Starrgabel beim starken Bremsen bergab. Das ist ein komplexes Problem mit mehreren Komponenten und sicher nicht verallgemeinerbar, aber mit Federgabeln wäre man diesbezüglich wohl auf der sicheren Seite, da die Gabeldämpfung das Aufkommen solcher Schwingungen hoffentlich restlos unterbindet. Ich kenne das Phänomen jedenfalls nicht von Fahrrädern mit Federgabel.