Zwift Workplace

Erneut gab es ein Unterfangen, bei dem nicht von vornherein klar war, ob es wirklich wie erwartet funktioniert, nämlich meine Zwift Fitness-Station. Seit sicher 18 Jahren absolvieren wir im Keller ein etwas mageres Wintertraining mit unserem alten Daum TRS 8008 Heimtrainer, der über ein aus einem kaputten Daum Kabel umgelötetes serielles Kabel mit der alten PC Software Ergoplanet eine basismässige Trainingssimulation mit Real Life Video ermöglicht. Immerhin, das ist nicht ganz schlecht, aber ehrlich gesagt, das Fahren mit dem alten Daum ist spaßfrei und hat nichts, also wirklich garnichts vom Fahren mit einem echten Fahrrad. Es ist halt eine elende Tretmühle.

Smart Bike?

Dies zu ändern, war mein Ansinnen, und der erste Gedanke war wieder ein Indoor-Fahrrad, welches sich out of the Box mit gängigen Trainingsportalen zur stimulierenden und unterhaltenden Fahrsimulation verbinden lässt. Hatte ich gedacht. Diese Dinger – Smart bike – genannt, sind nicht wirklich gängig. Derzeit kommen zwei davon ganz aktuell auf den Markt, das Wahoo Kickr Bike, sowie das Tacx Neo Smart Bike. Es gibt noch ein paar andere (und offenbar nicht alle davon lieferbar), aber die Auswahl ist klein, und preislich bist du da echt im (tief-)roten Bereich unterwegs. Kauft man sich dann mit Schmerzen sowas, dann erwartet man bei den Preisen hervorragende, perfekte Funktion, und bei der kleinsten Problematik, oder wenn irgendetwas lästig wäre, käme der Frust ob der massiven Anschaffung. Dieses Risiko war mir zu groß. Hinzu kommen ja noch laufende Kosten für die Nutzung der Trainingsportale, und wenn dann an dem Gerät auch noch was kaputt wird, dann steht man ziemlich doof – und ohne Indoortraining da.

Smart Trainer?

Weitverbreitet werden für diese Art von Indoor-Fahrrad-Fitness sogenannte „Smart Trainer“ verwendet. Das ist der Standardfall, und das sind dann Standgeräte, bei denen entweder das Hinterrad des an der Achse fixierten Fahrrades auf einer Rolle läuft, alternativ der Hinterbau ohne Hinterrad an der Achse eingespannt wird (dann müsste zusätzlich das Ritzelpaket des Rollentrainers zur Schaltung passen), und bei denen das Vorderrad ohne Rotation nur abstützt. Mit dieser Vorstellung konnte ich mich garnicht anfreunden, denn die Belastung auf den leichten Rahmen und das Vorderrad ist zumindest bei meinem Gewicht vielleicht etwas groß. Es gibt noch Neigungs-Simulatoren, die dann statt des Vorderrades verwendet werden können, aber alles in allem wird man da auch schon wieder gewaltig teuer, und man muß trotzdem auch das schöne teure Asfaltrad „missbrauchen“. Der große Vorteil des Smart Trainers und des Smart Bike ist die Leistungregelung. Zwift stellt also anhand der befahrenen Strecke ein, wie hoch der Tretwiderstand ist, und auf dieses Feature muß ich mit meinem Setup verzichten. Umso besser finde ich, dass Zwift auch mein Minimalsetup bedient, und mich eben nicht zu teurem Leistungsmess Equipment zwingt.

Rollentrainer

Begrifflich ist das nicht mehr so ganz klar definiert, evtl. auch als „Trainingsrolle“ bekannt: ein flaches Gestell mit drei Rollen, auf denen das Fahrrad semistabil „fahren“ kann. Sowas hatte ich als junger Radfahrer vor 30 Jahren, konnte damals aber nicht googeln, ob sowas auch ohne Halterung fahrbar ist. Das Gerät war damals mit einem stabilen Lenkerhalter geliefert worden, den ich stets benutzte. Dunkel erinnere ich mich an einen Versuch der freien Fahrt, der augenblicklich scheiterte, und damit war ich es damals zufrieden und habe es als undoable abgehakt. War dann auch ein bisserl eine fade Geschichte, vor allem gab es damals keinerlei Simulation. Es lief halt Musik.

Der Tacx Galaxia ist eine modernere Form dieses Rollentrainers, denn er hat konkave Rollen, welche das Rad besser zentrieren. Und vor allem hat er einen Pendelmechanismus in Längsrichtung, damit ungewollte Impulse besser absorbiert werden. Man fährt nicht so leicht von dem Ding runter. Ich habe dieses Gerät in einem Sonderangebot bestellt, es heute erhalten, aufgebaut und lustig ausprobiert. Und auch dieses Mal schien es im ersten Moment eher unmöglich, nach kurzer Zeit aber habe ich ein Gefühl dafür entwickelt und konnte dann tatsächlich einen einstündigen Workout fahren, wobei ich nur einmal von der Rolle gefahren bin, weil das rechte Pedal mit einem zu nahe stehenden Schemel nebenan kollidierte. Online findet man Videos von Leuten, die superlocker mit sowas umgehen, jederzeit einhändig (ging dann bei mir auch) oder gar freihändig fahren, und die vor allem auch Wiegetritt fahren, was ich nicht hingekriegt habe, aber woran ich arbeiten werde.
Das Tolle an so einem Trainer ist: du fährst realistisch Fahrrad, nicht wie auf einem „Zimmerfahrrad“, und trotzdem kann man das ganze an aktuelle Simulations-Software hängen, und das auch noch preisgünstig. Und dabei werden Rahmen und Räder des Fahrrades nicht höher belastet als beim normalen Straßefahren. Das ist natürlich auch super, um die runtergefahrenen Reifen im Winter noch ganz fertig zu machen. Schnell weggeräumt ist so ein Ding auch. Es braucht keinen Strom und hat keine anfälligen Komponenten bzw. ist zu Hause wartbar (zumindest das verwendete Fahrrad).
Zwei Nachteile würde ich anmerken:
Das Gerät surrt im Einsatz laut. Also man braucht eine geräuschunempfindliche Umgebung. Das ist kein leiser Heimtrainer.
Und das Ding ist nicht regelbar, der Fahrwiderstand kommt allein über die Drehzahl. Meine alte Rolle damals hatte eine manuell regelbare Wirbelstrombremse, aber dieses neue Modell von Tacx scheint so etwas nicht einmal als Zubehör zu kennen. Muß auch nicht unbedingt sein, der Workout funktioniert auch ohne Bremse erschöpfend, mein Puls während des ersten Workout war vielsagend.

Folgendes bezahlbare Minimalsetup habe ich mit Hilfe von Online Videos und Webseiten ausbaldowert und problemlos zum Laufen gebracht:

Zwift Setup

Um mit so einer einfachen Rolle auf Zwift fahren zu können, braucht man ein Minimum von drei Sensoren. Herzfrequenz, Trittfrequenz sowie Geschwindigkeit, alternativ einen Leistungssensor. Letzteres besitze ich nicht, also muss Zwift da irgendeine mehr oder weniger realistische Leistung aus den erstgenannten Sensordaten errechnen, und das funktioniert für mein Wintertraining gut, unabhängig davon, wie akurat es nun ist. Für die Sensoren samt ANT+ Antenne muss man gut 100 Euro veranschlagen, aber bis auf die Antenne benötigt man die Sensoren ja ohnehin auch beim Radfahren im Freien. Neu fürs Zwift Setup musste ich insofern nur die ANT+ Antenne und den Trittfrequenzsensor beschaffen.

ANT+ (und teils Bluetooth) Sensorpaket: Geschwindigkeit, Trittfrequenz, Pulsfrequenz, sowie ANT+ Antenne für USB
ANT+ (und teils Bluetooth) Sensorpaket: Geschwindigkeit, Trittfrequenz, Pulsfrequenz, sowie ANT+ Antenne für USB

Zwift funktionierte auf meinem alten Dell Latitude Notebook auf Anhieb blendend und erkannte die Sensoren augenblicklich. Nicht ein Problem, keine Fragen, keine sture doofe unbedienbare Frickelsoftware. Das System ist nutzerfreundlich, ausgereift, und es macht beim Fahren gemessen an anderen Kellertrainings richtig Spaß. Dafür berappt man dann auch die Zwift Abokosten.

Zwift Screenshots beim ersten Workout - funktioniert spitzenmässig
Zwift Screenshots beim ersten Workout – funktioniert spitzenmässig

Mein erster Konfigurationsversuch erfolgte übrigens mit der Tacx Desktop App, die aber überhaupt keine Unterstützung für ANT+ und auch nur Bluetooth 4.0 kann. Damit war diese Software für mich unbrauchbar, denn nur zwei der drei Sensoren senden auch über Bluetooth, aber das alte Notebook hat leider nur ein Bluetooth 3.0 Modul. Klarer Fall, Zwift is it, und ab sofort habe ich beim Winter-Fitness-Programm wieder Spaß, auch im Keller.

Fitnesskeller

Zwift Workplace mit Rollentrainer, Ventilator, Notebook und Monitor
Zwift Workplace mit Rollentrainer, Ventilator, Notebook und Monitor
Und so sieht das nun vorerst aus, schnell hingestellt neben den alten Daum. Davor noch ein Ventilator, weniger aus Luxus, sondern weil man echt schwitzt wie ein Schw…, und aus diesem Grund habe ich heute noch einen Schweißfänger bestellt, denn den braucht man wirklich. Der hat dann auch einen Smartphonehalter, und das ist auch sinnvoll, weil Zwift über die Smartphone App fernbedienbar ist (Spitze!), und das Smartphone an meinem Outfronthalter im Keller definitiv zu viel Schweiss abkriegt.

Suboptimal

Ein paar Punkte fielen bei den bisherigen Workouts negativ auf:

  • Beim Tacx Galaxia: Der Rollentrainer hat nur zwei Plastik-Arretierungshebel für die Länge, die man benötigt um mit meinem Rennrad zu rollen. Bei längerem Radstand fixiert er sich hingegen durch Federkugeln. Leider klemmen diese Plastikhebel nicht stark genug, so daß ich die Längsträger zusätzlich mit robustem Tape gegen ineinanderschieben sichern muß. Andernfalls zieht sich die vordere Rolle langsam linksseitig zurück wegen der Zugkraft des Antriebsriemens. Das Problem ist lösbar, dennoch finde ich das konstruktiv relativ schwach. Der Pendelmechanismus des Rollentrainers hingegen ist genial, genau wie die konkave Rollenform.
  • Bei der Zwift Companion App: Zuweilen erkennt die Companion App am Smartphone das einwandfrei laufende Training nicht und zeigt die Karte samt interaktiver Buttons nicht an. Das behindert zwar nicht das Training an sich, aber es nimmt die schönen Optionen wie Richtungswechsel, anderer Blickwinkel usw.. Positiv ist anzumerken, daß Zwift bisher stets zuverlässig alle Sensoren ausgelesen hat, und auch die Leistungsberechnung auf der freien Rolle garnicht so schlecht ist, mit etwas Varianz natürlich.
  • Bei der Schlauchlosbereifung: vor längerem hatte ich mir in unserer Gegend auf einem brutal gesplitteten Straßenabschnitt (Glassplitter-Split?) einen argen Durchstich mitten in der Lauffläche des Vorderreifens eingefahren. Das Tubeless-Dichtmittel kann das abdichten, wobei der Durchstich gelegentlich wieder aufging und erneut abgedichtet wurde. Man muß sicherstellen, daß die geforderten 30ml Dichtmittel im Reifen sind, dann kann man seine Touren fahren. Nicht so auf der Rolle. Aufgrund des winzigen Auflagepunktes walkt der Reifen trotz des hohen Drucks offenbar so stark, daß der Durchstich immer wieder Luft und Dichtmittel spuckt. Auch hier kam es zwar bisher nicht zum Platten, aber inzwischen habe ich nun für den ohnehin bereits stark abgefahrenen Vorderreifen einen Schlauch eingezogen, um ungestört rollern zu können. Neue tubeless Reifen für nächste Saison liegen längst im Regal.
  • Die Handyhalterung im Schweißfänger wäre zwar gundsätzlich geschickt gedacht, und das Gerät ist tatsächlich durchs Plastik bedienbar, aber das Handy liegt punktuell mit dem Rücken auf dem Steuerrohr auf gegen den relativ starken Federzug des Schweissfängers, wird also quasi durchgebogen. Das könnte schiefgehen, und somit unterlasse ich es. Nicht wirklich praxistauglich zumindest bei meinem Rad.

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